Erste Erinnerungen

Wie mein Leben genau begann, das weiss ich nicht. Vage erinnere ich mich an Wärme und süße Milch und den Geruch meiner Geschwister und meiner Mutter. Ich trank und schlief und wuchs. Nach einiger Zeit öffneten sich meine Ohren und Augen, jetzt konnte ich meine Umgebung kennen lernen.

Meine Mutter hieß Halka. Sie war eine kleine Podenco-Hündin und sehr lieb und sanft. Meinen Papa hab ich nie kennen gelernt, aber Halka sagte, er sei ein sehr gut aussehender Podenco-Mann.

Meine ersten Lebenswochen verbrachte ich mit Halka und meinen Geschwistern in einem Schuppen. Einmal täglich kam ein Mensch zu uns und brachte uns etwas zu fressen. "Das ist unser Herrchen", erklärte Halka. "Er ist ein strenges Herrchen, man muss sich gut mit ihm stellen." Sie begrüßte den Menschen immer unterwürfig geduckt und schwanzwedelnd.

Eigentlich hatten wir eine schöne Zeit. Wir spielten miteinander, schliefen und tobten im Schuppen herum. Dass Herrchen einmal täglich kam, störte uns nicht. Wir freuten uns unseres Lebens.

Meine Schwester entwickelte ein besonders schönes Spiel. Sie stellte sich auf einen Heuballen und wir anderen Geschwister sollten sie dort herunterjagen. Das machte viel Spaß. Manchmal entdeckten wir auch Mäusespuren, die wir mit Begeisterung verfolgten.

Halka brachte uns alles bei, was sie wusste. Sie erklärte uns, wie man Duftspuren verfolgt und Mäuse stellt. Und sie erzählte uns von den Jagden, die sie mit Herrchen zusammen im Draußen gemacht hatte.

"Mama, erzähl uns vom Draußen!" bat ich sie oft. Denn außer dem Schuppen hatten wir noch nichts von der Welt gesehen.

Und Halka berichtete von Häusern, Straßen, Bäumen. Und anderen Tieren. Von Autos, Menschen, Feldern und Wiesen. Ich wurde jedes Mal sehr aufgeregt. Das klang alles so spannend. Eine Welt voller Licht und Düfte wartete auf uns.

Eines Tages kam Herrchen völlig unerwartet zu ungewöhnlicher Stunde in den Schuppen. Er schnappte zwei meiner Brüder am Nackenfell und nahm sie mit ins Draußen. Nervös folgte Halka ihm bis zur Schuppentür. Sie rief meine Brüder durch die Türritzen und hörte ihre ängstliche Antwort. Schließlich setzte sich Halka an die Tür und wartete. Sicherlich würde Herrchen ihre Söhne bald wieder hereinbringen.

Den ganzen Nachmittag saß sie hinter der Schuppentür. Dann gab sie es auf. Ihre Söhne würden nicht zurückkommen.

"Mama, wo sind sie?" fragte ich, aber Halka konnte mir keine Antwort geben.

Innerhalb weniger Tage holte Herrchen alle meine Geschwister aus dem Schuppen ins Draußen. Nur ich blieb bei meiner Mutter. Einerseits war ich froh, in der gewohnten Umgebung bleiben zu können. Andererseits aber wollte ich unbedingt diese fremde Welt im Draußen erkunden. Warum Herrchen mich nicht holte?

Schließlich kam Herrchen wieder zu uns. Er hatte eine Schnur dabei, die er mir um den Hals legte. Ich versuchte, das Ding abzustreifen, aber es ging nicht. Herrchen zog an der Schnur und ich musste ihm folgen, ob ich wollte oder nicht.

Halka lief neben mir her. "Wehr dich nicht", sagte sie. "Du hast sowieso keine Chance. Folge Herrchen einfach. Je schneller du lernst, was er von dir will, desto besser ist es für dich. Schau einfach, was ich mache, und mache es nach."

Herrchen brachte mir in den nächsten Tagen und Wochen viele Sachen bei. Immer wieder zeigte mir Halka, was ich zu tun hatte. Als erstes musste ich lernen, was mein Name war. "Chica", rief mich Herrchen. Wenn ich das hörte, musste ich zu ihm hinlaufen.

Verstand ich nicht schnell genug, was Herrchen wollte, dann bekam ich mit der Leine einen Schlag. Das tat weh! Ich bekam immer mehr Angst vor den Schlägen und vor Herrchen. Ich versuchte ja, alles zu verstehen und zu gehorchen, aber Herrchen redete so ganz anders wie Halka oder meine Geschwister. Ich zeigte Herrchen deutlich, dass er der Chef war, ich leckte meine Lefzen, senkte den Kopf, wedelte mit dem Schwanz und duckte mich, aber nichts half.

Das einzige, was Spaß machte, war, wenn Herrchen mit uns ins Feld ging. Da gab es so viel zu schnüffeln und zu riechen. Halka zeigte mir, welche Spuren wichtig für Herrchen waren. Kaninchenspuren sollten es sein. Dank meiner guten Nase fand ich viele Spuren und auch so manchen Kaninchenbau.

Eines frühen Morgens ging Herrchen mit Halka und mir wieder ins Feld. Heute hatte er einen komischen Stock dabei, den ich noch nie gesehen hatte. Ich hatte Angst, er könne mich mit diesem Stock schlagen. Halka beruhigte mich: "Das ist ein Gewehr, das hat Herrchen immer dabei, wenn wir Jagd machen."

'Uih', dachte ich. 'Heute machen wir Jagd! Das macht bestimmt Spaß!' Ich hatte ja keine Vorstellung, was Jagd machen eigentlich wirklich war. So trottete ich neben Herrchen her bis ins Feld.

Hier gab er mir und meiner Mutter das Kommando: "Chica, Halka, such!" Das wußte ich! 'Such' hieß: Nase auf den Boden und schnuppern, wo die Kaninchen gelaufen sind! Eifrig machte ich mich daran, Kaninchen zu finden.

Da! Plötzlich hoppelte eines direkt vor mir aus dem hohen Gras. Ich flitzte hinterher. Ich konnte einfach nicht anders! Ich musste es kriegen!

Da knallte es laut. Vor Schreck schrie ich auf. Ich wußte gar nicht, was ich tun sollte. Ich rannte einfach weiter. Nur weg von diesem Geräusch! Ich sah noch aus dem Augenwinkel, dass das Kaninchen einen Satz in die Luft machte und dann umfiel. Aber das war mir egal. Ich wollte nur noch weg.

"Chica!" hörte ich Herrchen brüllen. Ich hielt an. Ich wußte: jetzt musst du zu Herrchen zurückgehen. Dahin, wo es geknallt hat! Ich zitterte vor Angst. Was war schlimmer? Die Schläge, wenn ich nicht gehorchte, oder das Knallen?

Langsam und auf Umwegen kehrte ich zurück. Die letzten Meter kroch ich. Ich traute mich nicht, Herrchen anzuschauen.

Halka kam ebenfalls zurück. Sie trug das Kaninchen, das ich aufgeschreckt hatte, im Maul. Herrchen nahm es ihr ab und klopfte ihr einmal kurz auf den Kopf. "Gut gemacht", brummte er.

Dann schaute er mich an, wie ich vor ihm auf dem Boden lag. Zaghaft wedelte ich mit dem Schwanz, um ihn freundlich zu stimmen. "Feiges Stück", sagte er zu mir und packte mich im Nacken. Hilflos hing ich in seiner starken Hand. "Was soll ich mit so einem Hund, der wegläuft, wenn es knallt? So einen Jagdhund kann ich nicht brauchen."

Er warf mich im Bogen von sich. "Verschwinde!" Einen Moment blieb ich halb betäubt auf der Erde liegen. Dann versuchte ich, mich ihm zu nähern. Er hob den Stock und drückte ab. Wieder knallte es laut und schrecklich. Ich schrie auf vor Schreck und Angst: "Mama!"

Aber Halka drehte sich nur um und folgte Herrchen. Unschlüssig stand ich da und schaute ihr nach, wie sie mit ihm davonging. Ich wollte ihr folgen, aber die Angst vor dem Knall hielt mich an meinem Platz. Zitternd sah ich die beiden immer kleiner werden. Einmal drehte Herrchen sich um. Ich hoffte, ja ich betete um seinen Ruf. Aber der kam nicht. Herrchen hob das Gewehr und schoss. Dicht neben mir spritzten Sand und Steine auf. Der Gewehrknall echote im Tal.

Da lief ich davon. Nur weg von dem Lärm. Ich lief einfach immer der Nase nach. Bergauf und bergab. Weg, nur weg.

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