Der erste Tag im neuen Leben

Nach dem Aufstehen am nächsten Morgen brachte mich Frauchen wieder nach unten vor das Haus. Auf der gleichen Wiese wie am Abend vorher erledigte ich meine Geschäfte. Frauchen war sehr zufrieden mit mir. Sie führte mich noch ein wenig in der Gegend herum. "Du musst schließlich kennen lernen, wo du jetzt lebst und wohnst."
Zuhause angekommen legte mir Frauchen die Decke in den Flur und schloss die Schlafzimmertür. Sanft streichelte sie mir über den Kopf.

"Tschüssi mein Schatz! Frauchen muss jetzt arbeiten gehen. Und Chica ist schön brav und macht keine Dummheiten! Bis heute mittag!"

Sie öffnete die Wohnungstür und ließ mich alleine. Ein wenig fassungslos saß ich auf meiner Decke. Was sollte das? Sie würde doch hoffentlich wiederkommen?

Ich wartete eine Zeitlang, aber Frauchen kam nicht zurück. Schließlich wurde es mir langweilig, auf die Tür zu starren. Ich beschloss, mich in aller Ruhe umzusehen.

Zuerst inspizierte ich den Raum, in dem Frauchen heute morgen für einige Zeit verschwunden war. Dunkel war es dort. Es gab keine dieser durchsichtigen Öffnungen, wo Licht hereinkommen konnte. Es roch nach Wasser und nach Frauchen. Eines der Tücher von Frauchen lag auf dem Boden. Es war nass.

Das Zimmer, in dem wir geschlafen hatten, war verschlossen. Aber es gab ja noch den Raum, den Frauchen Küche genannt hatte. Einige seltsame Dinge lagen auf den Möbeln, die dort standen. Wenn ich mich ganz lang machte und mich auf die Hinterbeine stellte, dann konnte ich dort vielleicht über die Kante schauen und sie untersuchen.

Vorsichtig richtete ich mich auf. Es reichte. Meine Nase erschnupperte ein paar Äpfel. Viele der Dinge dort kannte ich aber nicht. Neugierig tapste ich mit einer Pfote an eine Dose. Was da wohl drin war?

Da geschah es. Ich wollte mich gerade zurückziehen, als ich mit einer Kralle an etwas hängen blieb. Es fiel um und fiel mit einem lauten Plums auf den Boden. Dabei platzte es auf und ein weißes Pulver floss heraus.

Ich erschrak. Was hatte ich da nur angestellt? Oh je, wenn Frauchen das entdecken würde! Sicher würde ich dann Schläge bekommen.

Mit eingezogenem Schwanz rannte ich aus der Küche. Ich legte mich auf meine Decke und überlegte. Was würde Frauchen mit mir machen? Ach, es war ja eigentlich sinnlos, sich Gedanken zu machen. Ich erhob mich wieder und ging ins Wohnzimmer.

"Muuuiig!" begrüßten mich die Meerschweinchen. Sie standen vorne an ihrem Behälter und schauten mich neugierig an. Vorsichtig näherte ich mich. Frauchens "Nein" klang mir noch in den Ohren. Aber ich wollte diese Wuscheltiere doch wenigstens mal genau betrachten und beschnuppern.

Ein weißes Meerschweinchen, das ganz besonders wuschelig aussah, blieb vorne stehen, als ich herankam. Es streckte mir den Kopf entgegen und schnüffelte. Es war wohl genau so neugierig wie ich. Das machte es mir richtig sympathisch. Außerdem roch es sehr nach Frauchen.

Ich leckte dem Meerschweinchen über den Kopf. "Muigquiez!" Laut schimpfend rannte es davon.

Ich schaute mich um. Ein großer Schrank stand hier im Wohnzimmer. Hinter Glastüren hatte Frauchen lauter kleine Figuren stehen. Ach, Frauchen! Sehnsucht nach meinem Frauchen erfaßte mich. Ich seufzte.

Die Sehnsucht trieb mich magisch zu Frauchens Liegeplatz. Hier roch es wunderbar nach ihr. Ich sprang auf die Couch, schnüffelte und rollte mich dann zufrieden zusammen zum Schlafen.

Irgendwann erwachte ich vom Klappern von Schlüsseln an der Eingangstür. Schnell sprang ich von der Couch. Frauchen hatte "nein" gesagt, sicher durfte ich da eigentlich gar nicht drauf liegen. Sie sollte mich also nicht darauf erwischen.

Die Wohnungstür ging auf. "Hallo Chica", begrüßte mich Frauchen. "Na, hast du was angestellt? Oder bist du brav gewesen?" Ich wedelte mit dem Schwanz. Natürlich war ich brav gewesen! Die Bescherung in der Küche hatte ich schon vergessen. Aber als Frauchen in Richtung Küchentür ging, fiel es mir wieder ein. Oh oh, jetzt musste gleich das Donnerwetter kommen!

Frauchen schaute in die Küche. "Na, was ist denn hier passiert?" fragte sie. Aber ihre Stimme klang nicht böse. "Du warst wohl ein wenig neugierig, kleine Maus?" Sie blickte mich fragend an. Vorsichtig und mit angelegten Ohren wedelte ich mit dem Schwanz.

"Na ja, das räumen wir später auf. Jetzt gehen wir erst einmal Gassi."

Perplex ließ ich mich anleinen. Frauchen hatte nicht geschimpft! Und nicht geschlagen! Wie hatte Paco gesagt? "Richtige Herrchen oder Frauchen schlagen nicht!"
Frauchen nahm mich auf den Arm und knuddelte mich. "Kleine Chica, du darfst keine Sachen kaputt machen oder von der Anrichte werfen. Aber das lernst du schon noch. Jetzt gehen wir erst einmal die Gegend erkunden. Vielleicht treffen wir ja auch einen netten Hund, den du kennenlernen kannst."

Frauchen führte mich wieder in die Gegend, die ich schon kannte. Heute waren viele Menschen unterwegs. Das war mir überhaupt nicht geheuer, denn sie kamen oft direkt auf mich zu. Aber Frauchen ließ nicht zu, dass ich weglief.

"Du brauchst keine Angst zu haben, Chica. Ich passe schon auf, dass dir nichts passiert."

Nachdem ich meine Geschäfte erledigt hatte, durfte ich noch lange gründlich die Hundenachrichten erschnüffeln. Endlich meinte Frauchen aber: "So, mein Schatz, jetzt gehen wir einkaufen. Schließlich benötigst du noch einige Dinge zum Leben!"

Hmm. Dinge zum Leben? Solange ich was zu fressen hatte und ein Dach über dem Kopf, solange hatte ich alles, was ich brauchte. Oder?

Aber anscheinend war Frauchen anderer Meinung. Sie packte mich in unser Auto und fuhr mit mir zu einem großen Geschäft. Als erstes suchte sie mir ein neues Halsband und eine passende Leine. Dann bekam ich noch einen Futter- und einen Wassernapf. Was ich damit sollte, war mir nicht klar, aber Frauchen würde schon wissen, was sie tat. Ein paar Dosen wanderten ebenfalls in den Korb, den Frauchen trug.

"So, jetzt brauchen wir noch eine Bürste und einen Kamm. Und eine Krallenschere." Frauchen schaute sich um. "Ach ja, ein Hundebett wollte ich ja auch noch kaufen."

Endlich war Frauchen zufrieden. "Deine Grundausstattung haben wir jetzt. Sicher kommt noch das eine oder andere Teil hinzu im Laufe der Zeit, aber im Moment fällt mir nichts weiter ein."

Wir gingen mit all den Sachen an die Kasse. Frauchen bezahlte. "Ganz schön teuer, mein Schatz. Na ja, du sollst es ja auch gut haben."

Die Frau an der Kasse lächelte. "Ihr erster Hund?" fragte sie. "Nein, mein zweiter. Aber ich habe jetzt einige Jahre keinen gehalten und deshalb die Sachen meines Struwwels an das Tierheim gegeben. Jetzt braucht die kleine Chica halt alles neu."

Frauchen schaute mich an. "Außerdem ist Chica kleiner als mein erster Hund. Sie könnte seine Sachen gar nicht benutzen. Das Halsband wäre zu groß für sie. Sie muss aber auch noch etwas zunehmen, sie ist viel zu dünn."

Die Kassiererin nickte. Dann half sie Frauchen, die vielen Sachen zum Auto zu tragen. Als alles verstaut war, griff sie in ihre Schürzentasche und zog etwas heraus. "Darf ich ihr das geben?" Frauchen war einverstanden, und die Frau hielt mir eine dünne Stange unter die Nase.

"Da, nimm!" Ich schnüffelte. Das roch interessant. Aber ich wagte nicht, es zu nehmen. Frauchen lachte. "Sie ist ein wenig wählerisch, scheint mir. Wer weiß, was sie schon für Erfahrungen gemacht hat." Sie nahm die Stange und packte sie zu den anderen Sachen. "Mal sehen, ob sie es zuhause frißt."

Auf der Rückfahrt im Auto wurde mir plötzlich ganz anders zumute. Ich begann zu würgen. Frauchen versuchte noch anzuhalten, aber da war es schon passiert. Ich musste erbrechen. Ach, war mir das peinlich!

Frauchen schaute sich die Bescherung an. "Hmm, gelber Schleim. Kein Fressen! Du bist wohl sehr aufgeregt, mein Schatz? Das müssen wir mal beobachten, hoffentlich bist du nicht krank!"

Sie nahm ein Tuch aus einer Klappe und wischte den Boden wieder sauber. "Ist ja schon gut, Chica. Ist doch nicht schlimm, das kann jedem mal passieren", tröstete sie mich. "Musst du noch mal…?"

Nein, ich musste nicht noch einmal. Es ging mir schon besser. Nur einen hässlichen Geschmack hatte ich im Maul. Pfui Spinne, das war vielleicht ekelhaft!

Zuhause rannte ich erst einmal zu der Schüssel, die mir Frauchen mit Wasser hingestellt hatte, und trank ausgiebig. Frauchen räumte in der Zwischenzeit die vielen Einkäufe weg. Sie nahm eine der neu gekauften Schüsseln, hielt sie unter den Wasserhahn und füllte sie mit frischem Wasser.

"So, jetzt kann ich meine Porzellanschüssel wieder zu mir nehmen. Du hast jetzt eine eigene Wasserschüssel. Hast du Hunger?"

Sie öffnete eine der mitgebrachten Dosen. Ich schnüffelte. Hmm, das roch echt lecker. Ob Frauchen mir da was abgeben würde?

Tatsächlich: Frauchen gab ein wenig von den lecker riechenden Sachen aus der Dose in den zweiten Napf. Dann stellte sie diesen neben den Wassernapf.

Fragend schaute ich sie an. War das für mich? Ich wagte es nicht heranzugehen. Denn Frauchen stand direkt neben dem Napf. Und vielleicht wollte sie es doch für sich haben?

"Na, was ist, Chica? Komm fressen!" Ich wedelte mit dem Schwanz, machte aber keinen Schritt.

"Hast du Angst, ich würde dich beißen? Keine Sorge, meine Kleine, ich steh nicht auf Hundefutter!" Frauchen trat ein paar Schritte zurück. "So, jetzt kannst du aber futtern gehen!"

Ich zögerte noch einen Moment, um sicherzugehen, dass Frauchen auch wirklich weg bleiben würde. Dann erst lief ich zum Futternapf. Hmmm, allein der Geruch war schon herrlich! Gründlich erschnüffelte ich alle Zutaten. Schließlich schaute ich auf und Frauchen an. Das war wirklich alles für mich? So viel und so lecker?

Frauchen nickte. "Los, Chica. Nicht nur schnüffeln! Fressen! Das ist alles für dich!" Sie drehte sich um und ging zurück in die Küche.

Ich stand vor meinem Futternapf und konnte es kaum glauben. So viel zu fressen! Schließlich begann ich vorsichtig zu futtern. Es schmeckte köstlich. Und es war so viel! Das konnte ich gar nicht alles aufessen. Einen kleinen Rest musste ich im Napf lassen.

Als ich gesättigt war, legte ich mich wieder auf meine Decke im Flur. Frauchen hatte inzwischen das weiße Pulver, das ich in der Küche verteilt hatte, aufgekehrt. Ich konnte sie von meinem Platz aus beobachten.

"Du hast ja eigentlich recht, Chica. Ich hätte das Waschmittel ja wegräumen können. Aber nein, ich hab es einfach stehen lassen, nur weil ich zu faul war, es heute wieder rauszuräumen. Ich werde mich bessern, versprochen! Allerdings finde ich deine Erziehungsmethoden schon ziemlich drastisch! Gleich das ganze Pulver auf dem Boden zu verteilen!"

Frauchen klang amüsiert und überhaupt nicht böse.

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