Salvatore

Es vergingen die Tage und Wochen. Schnell hatte ich mich an den Rhythmus bei Frauchen gewöhnt. Fünf Tage lang klingelte morgens der Wecker und Frauchen ließ mich nach dem Morgengassi tagsüber alleine. Dann kamen zwei Tage - Wochenende sagte Frauchen dazu -, an denen ging morgens der Wecker nicht an. Wir konnten ausschlafen. Und Frauchen hatte ganz viel Zeit für mich. Wir unternahmen alles mögliche zusammen.

Manchmal besuchten wir Mama und Papa von Frauchen. Oder Freunde. Oder wir gingen einfach nur stundenlang zusammen spazieren. Und manchmal fuhr Frauchen auch mit mir zu meinem Freund Salvatore.

Salvatore war der Hund von Frauchens Freundin Marion. Und Salvatore kam aus meiner Heimat. Marion war die Freundin gewesen, die Frauchen und Nicole zusammen gebracht hatte. Also ohne Marion hätte Frauchen mich nicht bekommen. Allein deshalb mochte ich Marion sehr.

Salvatore war der nächste Grund, warum ich Marion mochte. Denn Salvatore war ein sehr netter Rüde. Als wir uns das erste Mal gesehen haben, waren wir uns sofort sympathisch. Vor Salvatore hatte ich nie Angst gehabt! Wir hatten uns gleich verstanden.

Mit Salvatore konnte ich ganz herrlich spielen! Wir tobten gerne, wenn wir zusammen waren. Manchmal fand ich eine Kaustange von ihm unterm Tisch in seiner Wohnung. Die gehörte dann mir. Wehe, er wollte sie wiederhaben! Aber Salvatore war ein echter Kumpel. "Nimm sie nur, ich hab noch andere!" sagte er zu mir.

Ab und zu nahm mich mein Frauchen auch mit zu ihrer Arbeit. Dann brachte Marion auch Salvatore mit. Während Frauchen und Marion Geld verdienen gingen, saßen Salvatore und ich in Marions Auto auf dem Parkplatz unter einem Baum. Bis die beiden Menschen um die Mittagszeit wiederkamen, um mit uns in den Feldern Gassi zu gehen, hatten wir viel Zeit, uns zu unterhalten.

Eines Tages erzählte mir Salvatore seine Geschichte.
"So wie du, Chica, hat auch meine Mama einmal ein Herrchen gehabt." Salvatore seufzte. "Sie war eine kleine Prinzessin, meine Mama. Ein richtiger Pudel, so mit Stammbaum und allem drum und dran.

Und verwöhnt muss sie wohl auch gewesen sein, solange sie bei Herrchen war. Der wollte richtige kleine Pudelbabies mit ihr haben, der passende Deckrüde war schon ausgesucht. Aber Mama verguckte sich in einen anderen. Einen von der Straße, kein Pudelrüde, sondern irgend etwas gemischtes.

Herrchen war außer sich vor Wut. Sie habe ihr Blut verdorben, soll er zu Mama gesagt haben. Sie würde jetzt nie mehr richtige edle Pudelwelpen zur Welt bringen. Lauter so Unsinn hat er erzählt. Dann packte er Mama ins Auto und fuhr von ihrem Zuhause weg. Irgendwo hat er sie dann einfach aus dem Auto geworfen und stehen lassen.“
"Und was ist dann passiert?" wollte ich wissen, weil Salvatore eine Pause machte.

"Na ja", sagte Salvatore. "Irgendwie hat sie es geschafft zu überleben und auch ihre Babies zu bekommen. Aber sie hatte keine Erfahrung, wie sie uns alle satt bekommen sollte. So starben meine Geschwister nach und nach, nur eine Schwester und ich überlebten. Wir hatten immer Hunger, weil Mama nicht viel Milch für uns hatte. Aber irgendwie haben wir es überlebt und wuchsen und wurden größer.

Eines Tages schließlich verjagte Mama uns. Wir seien groß und alt genug, um alleine durchzukommen. Sie hätte genügend Probleme, für sich selbst genug Futter zu finden.
Da standen meine Schwester und ich nun. Einige Wochen waren wir noch gemeinsam unterwegs. So wie du und Bastardo ernährten wir uns von dem, was wir fanden.

Einmal entdeckte meine Schwester ein Stück rohes Fleisch. Sie hatte solchen Hunger, dass sie es nicht teilen wollte. Knurrend hat sie es gefressen und mir kein Stückchen übrig gelassen.

Wenig später wurde ihr schlecht. Sie bekam Schmerzen im Bauch. Sie wälzte sich auf dem Boden, jammerte und klagte. Dann bekam sie Schaum am Maul. Es dauerte sehr lange. Schließlich schnappte sie noch einmal nach Luft und lag dann still."

"Sie war…?" fragte ich leise. "Ja, sie hatte mich alleine gelassen. Jetzt hatte ich niemanden mehr."

Salvatore senkte den Kopf. "Ich war ja noch jung und unerfahren. Und dumm und vertrauensselig. Und ich war so allein. So geschah es, dass ich auf Menschen hereinfiel…"

"Was meinst du damit?" wollte ich wissen.

"Ein paar Tage, nachdem meine Schwester gestorben war, kamen ein paar kleine Menschen an den Strand, wo ich mich aufhielt. Sie entdeckten und lockten mich. Sie hatten Menschenfutter dabei, und ich hatte solchen Hunger. Deshalb wagte ich mich zu ihnen. Einer von ihnen ergriff mich und band mir eine Schnur um den Hals."

Atemlos verfolgte ich Salvatores Geschichte.

"Die kleinen Menschen waren ganz nett zu mir. Sie fütterten mir von ihrem Menschenfutter, und sie fuhren mir mit ihren Händen durchs Fell. Das fühlte sich gut an. Irgendwie schien es 'richtig' zu sein, dass sich Menschen um mich kümmerten.

Aber dann kamen etwas größere Menschen. Du weißt, solche die keine Menschenkinder mehr sind, aber auch noch nicht ausgewachsen." Ich nickte.

"Diese größeren Menschen haben den netten kleinen Menschen die Schnur, die ich um den Hals liegen hatte, weggenommen. Dann jagten sie die kleinen Menschen weg. Ich war alleine mit den größeren."

Salvatore zog ein wenig die Lefzen hoch und knurrte. Beruhigend leckte ich ihm über die Lefzen. "Wie ging es weiter? Erzähl!" forderte ich ihn auf.

"Die Buben zogen mich an der Schnur in einen Hinterhof. Ich konnte mich nicht wehren, sie waren viel zu stark. Dann begann ein Alptraum für mich.

Sie zwickten und ärgerten mich, packten mich, drehten mich auf den Rücken. Und sie schlugen mich mit ihren Fäusten. Sie hielten mich fest, dass ich mich nicht wehren konnte. Ich versuchte alles, um freizukommen. Aber es waren zu viele und sie waren zu stark. Sie lachten nur über meine Anstrengungen.

Ein besonders großer, gemeiner Kerl meinte schließlich: 'Wollt ihr mal einen Knochen splittern hören?' Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Aber der Tonfall, mit dem er das sagte, ließ mich erzittern. Verzweifelt versuchte ich wegzukommen, aber wieder vergeblich.

Dann wies der Kerl zwei andere an, mich so festzuhalten, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Ein dritter musste meinen rechten Vorderlauf festhalten. Und dann… dann…" Salvatore stockte. Die Erinnerung ließ ihn erschaudern.

Langsam hob er sein rechtes Vorderbein. "Hast du dich noch nie gefragt, warum ich humple?"

Ich stutzte. "Du meinst…?"

"Ja", grimmig deutete Salvatore mit der Nase auf sein Bein. "Der gemeine Kerl nahm eine Stange und haute sie auf mein ausgestrecktes Bein. Es krachte und dann war es kaputt. Die Schmerzen waren unbeschreiblich.

Und die Menschen haben nur gelacht."

Entsetzt hörte ich diese Worte. Das war ja schrecklich! Wie konnten Menschen nur so gemein sein? Ich mochte es fast nicht glauben.

Mitfühlend begann ich zu winseln. Da stupste Salvatore mich an. "Irgendwie war es aber das beste, was mir passieren konnte."

"Bitte? Was meinst du? Die haben dir dein Bein kaputt gemacht? Und das soll gut sein?" Ich glaubte, meinen Ohren nicht trauen zu können.

"Ja, irgendwie doch. Als mich die Menschen endlich losließen, konnte ich mein Bein nicht mehr bewegen. Es tat weh. Schrecklich weh. Irgendwie schaffte ich es trotz der Schmerzen, auf die Straße zu kommen. Dort fand mich ein Mensch, fing mich ein und brachte mich zu Consuela."

Atemlos hörte ich zu. "Consuela? Etwa meine Consuela? Die von der Hundestation? Du kennst meine Consuela? Und Paco?" Salvatore nickte.

"Ja, Paco kenne ich auch. Jedenfalls brachte mich Consuela zu einem Doktor. Der machte was mit meinem Bein. Es tat danach zwar immer noch weh, aber nicht mehr so stark. Und wenige Zeit später wurde ich nach hier gebracht zu Nicole.

Die hat mich operiert und ich durfte eine Zeitlang bei ihr wohnen. Berti ist ein netter Kerl, der war nie eifersüchtig, dass sich sein Frauchen so um mich kümmerte." Salvatore grinste bei der Erinnerung.

"Es war schön bei Nicole. Aber eines Tages kam Marion mit ihrer Mama 'nur um mal zu gucken', und was soll ich sagen? Ich tat ihnen so leid, dass sie mich mitgenommen haben. So habe ich mein Frauchen gefunden.

Wenn mir die Menschen nicht das Bein kaputt gemacht hätten, wer weiß, ob ich mein Frauchen jemals kennengelernt hätte? Oder dich?" Er leckte mir über's Ohr. "Und das wäre echt schade, oder?"

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