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Ausgebüxt
Nicht lange, nachdem mir Salvatore seine Geschichte erzählt hatte, begann mein Frauchen, die Wohnung umzuräumen. „Renovierung“ nannte sie dies. Ich fand es nur völlig ungemütlich. Jeden Tag stand mein Hundebett an einer anderen Stelle.
„Armes Häschen“, meinte Frauchen oft zu mir. „Ich weiss, du findest es nicht gerade berückend, aber es muss halt auch mal sein!“
Lichtblick war für mich, dass Frauchen mich mittlerweile oft von der Leine befreite, wenn wir Gassi gingen. So konnte ich viel einfacher die Hundezeitung lesen.
„Schön gehorchen“, meinte Frauchen immer, wenn sie mich ableinte. Und wenn ich hörte, dann bekam ich ein Leckerli von ihr.
Diese Leckerli machte sie selber, und wenn die im Backofen vor sich hin backten, lief mir schon vom Geruch das Wasser im Maul zusammen. Daher bemühte ich mich sehr, ihre Kommandos zu befolgen. Nur manchmal, da war halt etwas anderes viel wichtiger! Da war die Spur von Laika, die gerade läufig war. Das musste ich doch genau untersuchen, nicht wahr? Oder das Eichhörnchen, das im Park genau vor meiner Nase über den Rasen hüpfte. Das musste ich doch verfolgen!
Frauchen fand das nicht so toll! Das hörte ich an ihrer Stimme. Aber sie schlug mich nie! Und wenn ich es mir genau überlegte, so war in ihrer Stimme auch eher ein wenig Angst zu hören. Jedenfalls mehr Angst als Wut oder Ärger!
Eines schönen Wochenendtages ging Frauchen am Nachmittag wieder mit mir Gassi. Es war wunderschönes Wetter und ich hatte richtig Lust zu einem schönen Wettrennen.
Das war etwas, was Frauchen überhaupt nicht konnte. So ein richtiges Wettrennen. Mit ihren zwei Beinen war sie einfach nicht schnell genug! Und an diesem Tag zuckte es in meinen Pfoten. Ich wollte einfach nur rennen!
In der Straße in Richtung unseres Parks trafen wir Basko. Basko war ein netter junger Rüde mit langen schwarzen Haaren, gerade mal so groß wie ich. Ich kannte ihn schon einige Zeit. Bei unserer ersten Begegnung war er noch ein Baby gewesen.
Inzwischen war er fast erwachsen. Wir beide konnten uns gut leiden. Und für ein Hundewettrennen war er genau der richtige Partner!
Frauchen ließ mich absitzen, als wir Basko und sein Herrchen sahen. „Schön brav ‚Sitz’“, sagte sie zu mir. Ich tat ihr den Gefallen, obwohl es in meinen Pfoten juckte. Unruhig rutschte ich mit meinem Hinterteil auf dem Boden hin und her.
Basko entdeckte mich und kam auf mich zugestürmt. Ausnahmsweise war er nicht an der Leine.
„Juchu, Chica! Wie geht es dir?“ begrüßte er mich. „Gut, danke!“ antwortete ich. Und dann fragten wir beide gleichzeitig: „Wie wär’s mit einem Rennen?“
Basko drehte sich um und startete. Sofort nahm ich die Verfolgung auf. Er sollte mich nicht abhängen!
„Basko!“ hörte ich Baskos Herrchen rufen. Ein „Chica!“ meines Frauchens folgte. ‚Ach, was soll’s!’ dachte ich. ‚Ist doch nur ein kleines Rennen!’ Auch Basko stellte seine Ohren auf Durchzug.
Im Park rannten wir nebeneinander über die Wiese. Das tat vielleicht gut! So richtig aus voller Seele zu laufen, das war einfach herrlich!
Ich glaubte, in der Ferne noch einmal ein „Chica“ zu hören. Aber sicher täuschte ich mich!
Ich rannte weiter. Basko war längst hinter mir, er hatte nicht so eine Ausdauer wie ich. ‚Jungspund’, dachte ich. ‚Der braucht noch ‚ne Menge Übung!’
Immer weiter lief ich. Schließlich wurde ich langsamer und sah mich um. Kein Frauchen weit und breit! Kein Basko zu sehen! Ich blieb stehen.
Die Gegend kannte ich nicht. Sollte ich zurück gehen? Oder nach Hause? Nur: wo genau war mein Zuhause? Ich wurde unsicher. Wo war ich nur hergekommen?
Und wo war mein Frauchen?
Ich hob die Nase in den Wind. Da! Der Geruch! Den kannte ich!
Ich folgte meiner Nase und kam an eine große Straße. War das die Straße, die Frauchen immer mit mir überquerte, wenn wir Gassi gingen? Ich war mir nicht sicher.
Aber der Geruch, der kam von der anderen Straßenseite. Vorsichtig wartete ich auf eine Lücke im Verkehr. Dann flitzte ich über die Straße.
Auf der anderen Seite war der Duft viel stärker. Es roch nach Zweibeinessen. Solches, wie Frauchen oft mit dem Auto abholte. Meistens nahm sie mich mit, wenn sie dies tat.
Schließlich fand ich eine offenstehende Tür. Aus dieser Tür kam der leckere Geruch. Und richtig! Dies war genau die Tür, in die wir immer gingen, wenn wir das Zweibeinessen abholten!
Ich lief die wenigen Stufen hinauf. Die Menschen hier waren immer sehr nett zu mir und Frauchen gewesen. Sicherlich würden sie mir helfen, mein Frauchen wieder zu finden.
Inzwischen fühlte ich mich nämlich ziemlich einsam! Wo war nur mein Frauchen? Ob sie mich suchte?
Der Mensch hinter der Theke entdeckte mich schnell. „Na Chica“, meinte er zu mir. „Wo ist denn dein Frauchen?“ Er sah sich um, dann trat er an die Tür und schaute hinaus.
„Hmm. Nirgends zu sehen. Du bist doch nicht etwa ausgebüxt?“
Ausgebüxt? Ich? Nein, ich hatte nur ein Wettrennen gemacht! Ich wedelte mit dem Schwanz und schaute den Mensch freundlich an.
Er bückte sich zu mir. „Zeig mal, du hast doch so viele Marken an deinem Halsband. Ob da auch eine Telefonnummer zu finden ist?“
Er griff an mein Halsband und untersuchte die verschiedenen Metallplättchen, die Frauchen daran befestigt hatte.
„Aha, da haben wir ja eine Handynummer!“ Er nahm ein Telefon von der Theke und wählte. „Da geht keiner ran! Sicher sucht dich dein Frauchen und hat das Handy nicht dabei!“
Er probierte es noch einmal. Und noch einmal. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, das hat keinen Zweck. Aber da ist ja noch eine Tasso-Marke. Du bist also registriert. Da rufe ich doch dort einmal an.“
Er wählte eine andere Nummer. Ich hörte, wie er mit jemandem sprach. „Ja, ist mir zugelaufen. Warten Sie, die Tasso-Nummer ist.....“
Ein weiterer Mensch betrat den Raum und lenkte mich ab. Dann hörte ich noch ein „.... vielen Dank auch. Ja, wir bringen sie gleich hin!“
Die beiden Menschen unterhielten sich. „Antonio“, sagte der Mann hinter der Theke. „Bitte bring die Kleine nach Hause. Hier ist die Adresse!“ Er reichte dem zweiten Menschen einen Zettel.
„Ist nicht weit von hier! Im gleichen Haus wohnen noch andere Leute, die bei uns bestellen. Wenn du bei Chicas Frauchen niemanden antriffst, dann klingel dort. Vielleicht können sie Chica vorübergehend übernehmen.“
Antonio nahm mich auf den Arm. „Komm, kleine Maus, das Abenteuer ist vorbei. Jetzt geht es nach Hause!“
Er setzte mich in sein Auto und fuhr los. Nach wenigen Minuten hielt er an, nahm mich wieder auf den Arm und ging an ein Haus. Ja, das war mein Haus. Hier wohnte ich mit meinem Frauchen.
Ich zappelte und wollte herunter. Aber Antonio hielt mich fest. „Nix da! Du bleibst hier! Nachher läufst du wieder weg!“
Er läutete. Aber niemand öffnete die Tür. Schließlich läutete Antonio an einer anderen Klingel. Es dauerte einen Moment, dann wurde der Öffner gedrückt. Antonio trug mich die Treppen nach oben.
„Guten Tag, Herr Schmidt!“ begrüßte er Frauchens Nachbar. „Diese kleine Hundedame ist uns zugelaufen. Ihr Frauchen ist wohl noch auf der Suche nach ihr, aber wir können sie nicht per Handy erreichen. Würden Sie Chica so lange bei sich behalten, bis ihr Frauchen zurück ist?“
„Aber sicher doch!“ Frauchens Nachbar nahm mich auf den Arm. Streng schaute er mich an. „Du Schlingel, du! Sicherlich macht sich dein Frauchen große Sorgen um dich!“ Er bedankte sich bei Antonio und ließ sich kurz erzählen, wie Antonio herausgefunden hatte, wo ich wohnte. Dann schloss Herr Schmidt die Tür und setzte mich auf den Boden.
„Ich hänge schnell einen Zettel an die Tür von Chicas Frauchen, dass sie bei uns ist“, erklärte er seiner Frau. Diese lockte mich ins Wohnzimmer.
Interessant war es hier in dieser fremden Wohnung. Überall gab es neue Sachen zu entdecken. Nur Frauchen fehlte irgendwie. Ob sie bald kommen würde?
Nachdem ich mich gründlich umgeschaut hatte, legte ich mich hinter die Eingangstür. Hier würde ich am ehesten hören, wenn Frauchen kam.
Es dauerte eine Weile, aber dann hörte ich einen Schlüssel im Haustürschloss klappern. Ich spitzte die Ohren. Das hörte sich an wie… Ja, das musste Frauchen sein!
Ich sprang auf und wedelte. Gleich würde Frauchen kommen und mich holen! Dann senkte ich den Schwanz. Ob sie sehr böse war mit mir? Sie hatte mich ja gerufen und ich hatte nicht gehorcht!
Es klingelte. Herr Schmidt öffnete die Tür einen Spalt breit.
„Schau mal, wer da ist!“ forderte er mich auf. Ich schaute um die Ecke und genau in Frauchens Augen. Ich konnte sehen, dass sie voller Angst waren. Voller Angst um mich. Jetzt leuchteten die Augen voller Erleichterung auf.
Frauchen packte mich und hob mich hoch. Sie drückte mich an sich. „Chica, Chica! So etwas darfst du nie wieder machen! Ich hatte solche Angst, dass dir was passiert ist!“ Tränen standen in Frauchens Augen.
Herr Schmidt berichtete Frauchen, wer mich nach Hause gebracht hatte. „Sie muss über die Bundesstraße gelaufen sein! Was hätte nicht alles geschehen können!“
Sie schaute mich an. „’Der liebe Gott beschützt Narren’, sagt man doch“, meinte sie. „Offensichtlich beschützt er auch kleine dumme leichtsinnige Hunde!“
Noch einmal drückte sie mich an sich. Ich leckte ihr das Kinn. So schlimm war das alles doch gar nicht gewesen! Oder?
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