Hundetreffen

Eines Nachmittags kam Frauchen mit einem Brief nach Hause. Sie wedelte mit dem Papier und fragte mich: "Was hälst du davon, mit Salvatore und Marion zusammen Nicole zu besuchen?"

Nicole besuchen? Das klang gut. Ich wedelte mit dem Schwanz.

"Nicole hat zum Hundetreffen eingeladen. Das macht sie jedes Jahr einmal. Dort kommen lauter Menschen hin, an die sie Hunde aus dem Süden vermittelt hat. Es gibt Kaffee und Kuchen für uns Zweibeiner, und ihr Hunde könnt Euch kennenlernen und miteinander spielen. Das wird dir sicherlich gefallen!"

Ein paar Wochen später war es soweit. An einem sonnigen Wochenendherbsttag fuhr Frauchen mit mir zu Marion. Von dort aus ging es zu viert zum Hundetreffen, das auf einem Hundeplatz am Stadtrand stattfand. Salvatore war genauso aufgeregt wie ich.

Schon von weitem konnten wir hören, wo das Hundetreffen war. Lautes Bellen leitete uns. Wir staunten über die vielen Autos, die am Straßenrand standen.

"Da scheint ganz schön was los zu sein", stellte Frauchen fest. Das war die Untertreibung des Tages!

Als wir das Gelände betraten, setzte ich mich vor Überraschung beinahe auf mein Hinterteil. Dutzende von Hunden liefen auf einer großen, eingezäunten Wiese herum. Sie spielten fröhlich, beschnuffelten sich, wälzten sich oder lagen einfach in der Sonne oder im Schatten. Es war ein wildes, aber friedliches Durcheinander.

Große, kleine, kurzhaarige, lockige, lebhafte, ruhige, dicke, dünne Hunde aller Farben, Rassen und Nichtrassen waren versammelt.

"Hallo Kleine! Hallo Salvatore!" Ich hörte eine Stimme und drehte mich um. Berti kam freundlich wedelnd auf uns zu. Ich war froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen. "Hallo Berti! Ganz schön viel los hier!"

Berti nickte. "Und das sind noch lange nicht alle! Ich vermisse zum Beispiel noch Prinz. Der ist damals kurz vor dir, Chica, vermittelt worden. Ein sehr netter Kerl übrigens…"

Berti machte uns mit ein paar der Hunde bekannt. Als Frauchen sah, dass ich zurecht kam, machte sie die Leine von meinem Halsband los. "Geh spielen, Chica! Ich setze mich hier in die Sonne." Marion und sie suchten sich ein Plätzchen an einem Tisch.

Salvatore und ich unterhielten uns mit verschiedenen Hunden. Alle waren voll des Lobes für ihre Menschen. "Wir haben es gut getroffen", war die einhellige Meinung.

"Nur das Wetter hier ist manchmal fürchterlich! So viel Regen. Und im Winter dann der Schnee. Bääh!" jammerte eine kleine Dackelmischlingshündin.

"Schnee? Was ist Schnee?" fragte ich erstaunt.

"Du bist wohl noch nicht so lange hier? Schnee fällt im Winter vom Himmel. Statt Regen. Schnee ist weiß und kalt und klebt zwischen den Pfoten und am Fell. Scheusslich! Jetzt dauert es nicht mehr lange, dann ist wieder Winter, und dann geht das wieder los damit!"

Nun ja, das klang ja nicht gerade ermutigend. Auf Schnee konnte ich offensichtlich verzichten. Ich fand es schon schrecklich, wenn mich Frauchen bei Regenwetter zwang, nach draußen zu gehen, um meine Geschäfte zu erledigen.
Plötzlich stupste Berti mich an: "Da, da ist er. Prinz! Von dem ich dir erzählt habe. Ein toller Typ!"

Ich schaute zur Tür des Auslaufes. Und da stand er! Ein schlanker, dunkelbrauner Rüde mit glänzenden Augen und glänzendem Fell. Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu können. Das war doch…

"Bastardo! Bastardo! Das ist Bastardo!" Fröhlich jubelnd sprang ich ihm entgegen. Mein Bastardo! Da stand er leibhaftig vor mir!

"Chica? Bist du das?" Ungläubig schaute mir Bastardo entgegen. Vor Freude und Glück begannen wir, umeinander zu tanzen. Wir stupsten uns mit den Pfoten an, sprangen in die Höhe und jubelten laut.

Schließlich war ich völlig außer Atem. Glücklich leckte ich Bastardo die Lefzen. "Dass ich dich wiedersehe! Ich habe dich so vermisst!"

"Na, aber es scheint dir nicht schlecht ergangen zu sein, meine Kleine!" Bastardo stupste mich liebevoll. "Ich heiße jetzt übrigens 'Prinz', nicht mehr Bastardo."

Salvatore und Berti hatten Abstand gehalten, während wir uns begrüßten. Nun traten sie näher. Salvatore stellte sich vor: "Ich habe schon viel von Dir gehört, Bastardo. Ähm, ich meine: Prinz! Chica hat mir einiges erzählt, was ihr erlebt habt. Was ich nicht verstehe: du bist doch von den Hundefängern ergriffen worden. Wie kommst du nun hierher?"

Da erinnerte ich mich, was Paco mir in der Hundestation über die Hundemenschen gesagt hatte: "Manchmal holen sie auch Hunde ab, die der Hundefänger eingefangen hat."

Bastardo - nein, ich würde mich daran gewöhnen müssen, ihn 'Prinz' zu nennen - setzte sich. "Wenn es euch interessiert, dann erzähle ich euch meine Geschichte!" "Ach ja, bitte!" Alle wollten die Geschichte hören. Und Prinz begann:

"Wie Chica dir, Salvatore, sicher erzählt hat, wurde ich von den Hundefängern gefangen, als wir zusammen den Abfall bei einem Hotel untersuchten, weil wir sonst nirgendwo etwas zu fressen gefunden hatten.

Plötzlich fühlte ich eine Schlinge um meinen Hals. Ich konnte Chica gerade noch warnen, bevor sie das gleiche Schicksal ereilte. Vergeblich versuchte ich, mich zu befreien. Aber ich konnte sehen, dass Chica entkam.

Die Männer, die mich gefangen hatten, steckten mich in einen kleinen Käfig in ihrem Auto. Noch einige andere Hunde saßen in diesem Käfig. Die Autotür schlug zu und wir waren im Dunklen gefangen.

Das Auto fuhr los. Nach einiger Zeit merkten wir, dass wir anhielten. Die Tür ging auf und die beiden Männer ergriffen den Käfig. Sie trugen uns in einen eingezäunten, staubigen Bereich. Dort öffneten sie die Käfigtür und stießen uns so lange mit Stangen, bis wir den Käfig verließen.

Dann verschwanden sie mit dem Käfig und verschlossen die Tür. Vergeblich suchten wir einen Ausgang. Der Zaun war zu hoch, um darüber zu springen. Einige Hunde versuchten es trotzdem, aber sie schafften es nicht. Der Boden war hart und steinig, man konnte sich auch nicht unter dem Zaun durchgraben.

So konnten wir nur versuchen, ein schattiges Plätzchen zu finden, und abwarten. Schatten gab es nicht viel, denn es gab keine Bäume und Sträucher. Nur eine kleine Mauer bot stundenweise ein wenig Schutz vor der heißen Sonne.

Es war schrecklich. Wir quälten uns den ganzen Tag in der Hitze. Erst am Abend kam ein Mensch mit einem Schlauch und füllte eine Schüssel mit Wasser. Es genügte gerade, dass jeder von uns ein paar Schlucke trinken konnte.

In der Nacht kühlte es stark ab. Ein frischer Wind blies durch die Gitter. Es gab keinen Schutz vor der kalten Luft. Wir versuchten, uns gegenseitig zu wärmen.

Am nächsten Morgen waren alle sehr gereizt. Keiner hatte richtig geschlafen, alle hatten Hunger und Durst.

Wieder kam der Mensch vorbei, brachte etwas Wasser und eine Schüssel voller Brei. Das war unser Fressen. Nichts, was uns richtig satt gemacht hätte. Aber besser als Kohldampf zu schieben.

Nach drei fürchterlichen Tagen kamen zwei Menschen mit Fangstangen und fingen einige der Hunde ein, die schon vor uns in dem Auslauf gewesen waren.

Einer der verbliebenen Hunde meinte: >Das sind die, die am längsten hier sind. Die bringen sie jetzt auf die Regenbogenbrücke. Die haben es hinter sich.<

Da ich das Ganze nicht so recht verstand, bat ich den Hund, mir das genauer zu erklären.

>Ja, weißt du denn nicht, wo wir sind? Das hier ist eine Tötungsstation. Wenn du nicht innerhalb von zwei Wochen jemanden findest, der dein Herrchen oder Frauchen sein will, dann bekommst du eine Spritze und stirbst.<

>Und wie soll ich hier ein Herrchen oder Frauchen finden?< überlegte ich laut.

>Vergiss es! Du bist zu groß und dunkel. Wenn du klein und niedlich wärst, hättest du vielleicht eine Chance, dass am Besuchstag jemand kommt und dich mitnimmt. Aber so?< erklärte mir der Hund.

>Ich selber habe noch drei Tage, und dann werde ich herausgeholt. Dann sind meine zwei Wochen um. Morgen ist Besuchstag, aber ich glaube kaum, dass mich noch jemand rettet.<

Ergeben senkte der Hund den Kopf. >Ich habe mich damit abgefunden.<

>Aber ich nicht!< Trotzig hob ich den Kopf. Dann dachte ich an dich, Chica. Du hättest sicherlich schnell jemanden gefunden, der sich in deine traurigen Augen verliebt hätte."

Er stupste mich an. Verlegen senkte ich den Kopf. Dann schaute ich auf. "Aber irgendwie bist du doch herausgekommen, Prinz. Bitte erzähle weiter!"

Und Prinz berichtete weiter:

"Nun, wie der Rüde gesagt hatte, war am nächsten Tag Besuchstag. Am Nachmittag, als die größte Hitze vorbei war, kamen ein paar Zweibeiner, um uns Hunde zu begutachten. Dabei war eine Frau, die mir gefiel. Sie hatte eine tolle Ausstrahlung.“ Schwärmerisch verdrehte Prinz die Augen.

"Als ich ihren Geruch in die Nase bekam, wusste ich, das war meine Chance. Ich lief an den Zaun, der uns trennte. Sie schaute mich an und ich schaute zurück. Dann setzte ich mich und hob bittend die Pfote."

Prinz zeigte uns, wie er es gemacht hatte. Langsam und betont hob er die rechte Vorderpfote, spreizte die Zehen und setzte das Bein in einem großen Bogen langsam wieder auf den Boden.

"Die Frau drehte sich weg und ging drei Schritte weg. Dann kehrte sie um und schaute mich wieder an. Wieder hob ich die Pfote.

Da lachte die Frau. >Ich glaube, der will mitgenommen werden<, sagte sie zu ihrem Begleiter.

>Hmm, findest du nicht, dass er zu groß ist? Du weißt, große und dunkle Hunde sind immer schwer unterzubringen, Consuela.<

Aber die Frau antwortete: >Er hat einen besonderen Charme. Ich denke, für ihn werden wir schon ein Plätzchen finden.<

Ich konnte kaum glauben, was ich hörte. Sollte ich es wirklich geschafft haben? Tatsächlich. Die beiden Menschen sorgten dafür, dass ich aus dem Auslauf geholt wurde. Der Mann band mir ein Halsband um und nahm mich an die Leine.

Dann brachten sie mich zu einem Auto. Wir fuhren in die Hundestation, wo ich noch ein paar Tage blieb. Schließlich wurde ich nach Deutschland geflogen und kam zu Nicole. Und dort habe ich dann mein Herrchen gefunden."

"Ach, ich bin so froh, dass du noch lebst, Prinz. Ich musste immer daran denken, was der alte Hund gesagt hatte. Erinnerst du dich? 'Hunde, die der Hundefänger gefangen hat, kommen niemals wieder!'"

"Ja", nickte Prinz. "Viele werden getötet.

Aber einige haben Glück und kommen in ein anderes Land zu lieben Menschen. So wie wir hier!"

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