|
Allein
Ich lief, so schnell und ausdauernd, wie ich konnte. Inzwischen war es Mittagszeit geworden und die Sonne schien heiß vom Himmel.
Erschöpft ließ ich mich schließlich unter einem der spärlichen Bäumchen nieder. Ich war allein, einsam und verlassen. Und hungrig und durstig.
Was sollte ich nur tun? Ich wußte doch nichts von der Welt, nur das wenige, das mir Halka beigebracht hatte. Warum hatte sie mich verlassen? Und warum war Herrchen so böse geworden und hatte geknallt? Verzweiflung packte mich.
Schließlich hielt ich es vor Kummer nicht mehr aus. Ich heulte auf. Laut und durchdringend schallte mein Ruf durch die Landschaft. Immer und immer wieder rief ich laut "Waruuuum? Waruuuum?" Doch es gab keine Antwort.
Nach einiger Zeit weckte mein grummelnder Magen meinen Trotz. Ich würde mich nicht unterkriegen lassen! Ich würde allein leben, wenn es sein musste! Ich brauchte kein Herrchen, das mich nur schlagen würde, wenn ich ihn nicht verstand. Nein!
Ich erhob mich und machte mich auf die Suche nach Nahrung. Bisher hatte ich jeden Mittag einen Napf mit Fressen vorgestellt bekommen. Meist waren es Küchenabfälle von Herrchen gewesen. Und oft war ich fast genauso hungrig vom Napf weg gegangen. Denn übermäßig viel zu fressen hatte es nicht gegeben.
Ein knurrender Magen war mir daher nicht fremd. Die eine oder andere Maus hatte im Schuppen als Magenfüller dienen müssen. Und Mäuse gab es doch überall! Man musste sie nur finden.
Ich hielt die Nase in den Wind und witterte. Irgendwo musste ich doch etwas Fressbares erschnüffeln können! Eine leichte Duftspur führte mich zu einem Mauseloch.
Eifrig machte ich mich daran, die Mäuse auszugraben. Der Boden war steinig und trocken. Bald taten mir die Pfoten vom Graben weh. Ich kam kaum vorwärts, das Loch wurde nur langsam tiefer.
Als meine Pfoten zu bluten begannen, gab ich auf. So würde ich nicht überleben können!
Erschöpft machte ich mich auf die Suche nach Wasser. Doch die Landschaft war von der Sonne ausgetrocknet und dürr. Es gab nur wenig Schatten, und Wasser war überhaupt keines zu finden. So lief ich immer weiter, langsam aber stetig. Einfach der Nase nach. Ich hatte kein Ziel.
Am Abend erblickte ich von einem Hügel ein Haus im Tal. Der Wind trug mir den Geruch von Essen zu und mein Magen begann wieder zu grummeln. Ich zögerte unschlüssig. Ein Haus bedeutete Menschen. Und Menschen bedeuteten Gewehre und Knallen. Und Schläge. Aber Menschen bedeuteten auch Fressen.
Langsam näherte ich mich dem Haus. Vielleicht würde ich etwas Nahrung finden und wieder verschwinden können, bevor mich die Menschen überhaupt entdeckten. Vorsichtig und immer wieder sichernd suchte ich meinen Weg. Ich war gerade in der Nähe des Tores angekommen, da hörte ich, wie die Haustür geöffnet wurde. Ich verschmolz mit dem Schatten und rührte mich nicht. Schritte näherten sich. Dann hörte ich eine Kette rasseln. Ich zitterte vor Angst und Aufregung, wagte es aber nicht, mich zu bewegen. "Hier, Nachtessen", hörte ich eine Menschenstimme sagen. Ein leises "Wuff!" war die Antwort. Ein anderer Hund! Und der hatte gerade Futter bekommen. Ich konnte Fleisch und Kartoffeln riechen. Mir lief das Wasser im Maul zusammen.
Die Schritte des Menschen entfernten sich. "Wuff! Du kannst rauskommen, er ist weg!" hörte ich plötzlich den fremden Hund sagen. Vorsichtig lugte ich um die Ecke. Ein struppiger grauer Hund saß neben seinem Futternapf und grinste mich freundlich an. "Ich hab dich schon lange gesehen und gehört."
In diesem Moment grummelte mein Magen wieder laut und deutlich. "Du hast wohl Hunger?" fragte mich der Hund. "Ja", konnte ich nur antworten und leckte mir die Lefzen.
"Hier, du kannst was davon abhaben. Kartoffeln mag ich sowieso nicht!" Der Hund schob mir die Schüssel näher hin. "Was treibst du denn so alleine hier?" fragte er.
"Mein Herrchen hat mich weggejagt, weil ich Angst vor dem Gewehrknall habe!" gestand ich leise zwischen zwei Bissen. "Hmm, das ist schlimm! Hier kannst du auch nicht bleiben. Eigentlich müsste ich dich wegjagen, schließlich bin ich als Wachhund angestellt. Aber so ein kleines Mädchen wie du kann ich doch nicht verhungern lassen!"
Da hörten wir die Haustür aufgehen.
"Du musst verschwinden! Da, nimm noch den Knochen mit! Los, weg mit dir!" Laut begann der Hund zu bellen. "Alles Gute!" "Vielen Dank!" brachte ich noch heraus, dann schnappte ich mir den Knochen und rannte davon.
Der struppige Hund bellte hinter mir her und zerrte an seiner Kette. Er spielte den Wachhund so gut, dass ich beinahe Angst vor ihm bekam. Seine Stimme klang wütend, aber die Worte, die er mir hinterherrief, waren freundlich. "Alles Gute! Lauf zum Strand! Dort soll man immer was zu fressen finden! Viel Glück!"
Wenig später lag ich unter einem Busch und kaute genüsslich an dem Knochen. Dabei überlegte ich mir den Rat des Hundes. An den Strand sollte ich gehen. Nur - wer oder was war der Strand? Dieses Wort hatte ich noch nie gehört.
Ich grübelte und überlegte, schließlich wurde ich müde. Der Himmel über mir war dunkel und voll blinkender Sterne. Ein sanfter Wind strich durch die Blätter des Busches. Sie raschelten leise. Ich schlief ein.
Am nächsten Morgen weckten mich die ersten Sonnenstrahlen. Es war kalt geworden über Nacht und ich fror. Also erhob ich mich und machte mich auf den Weg.
Wieder gingen mir die Worte des struppigen Hundes durch den Kopf: "Lauf zum Strand!" Nun, ich lief. Und vielleicht würde ich ja auch irgendwann an dieses Ding kommen, das Strand hieß. Wichtiger war mir im Moment, wie ich zu einem Frühstück kommen könnte.
Da bemerkte ich eine Bewegung im trockenen Gras. Sofort blieb ich stehen.
Gespannt starrte ich auf die Stelle. Meine Ohren registrierten jedes Geräusch, die Nase erschnupperte den Geruch einer Maus. Ganz langsam machte ich mich sprungbereit. Nur nichts überstürzen! Konzentriert wartete ich auf die nächste Regung meiner Beute. Da!
Ich sprang. Und ich erwischte die Maus zwischen den Vorderpfoten. Sofort packte ich zu. Ein letzter heller Schrei, und tot hing die Maus zwischen meinen Zähnen.
Viel war nicht dran an dem kleinen grauen Fellbündel. Aber es war besser als nichts. Mein Magen war gefüllt. Und ich war stolz darauf, wie gut ich das Mäusefangen gelernt hatte.
Wieder machte ich mich auf den Weg ins Irgendwohin. Die Sonne stieg höher und höher. Es wurde immer wärmer. In der größten Mittagshitze machte ich ein Nickerchen im Schatten eines Felsens. Die Grillen zirpten ein monotones Lied. Erst am Nachmittag lief ich weiter.
Irgendwann erschnupperte ich die Nähe von Wasser. Durstig, wie ich war, machte ich mich sofort auf die Suche.
Ich entdeckte zwischen den Felsen versteckt ein kleines Wasserrinnsal, das aus dem Boden quoll. Bereits wenig später verschwand das Bächlein wieder im Sand. Das Wasser war kühl und frisch. Endlich konnte ich meinen Durst stillen.
An diesem Abend fand ich keinen freundlichen Hund, der sein Futter mit mir teilte. Die Maus, der ich auflauerte, war zu schnell. Ich konnte sie nicht erwischen. Sie verschwand in ihrem Loch und ward nicht mehr gesehen.
Hungrig und allein suchte ich mir einen Platz zum Schlafen. Traurig heulte ich meine Einsamkeit in die Nacht. Da! Plötzlich hörte ich in weiter Ferne eine Antwort! Wieder heulte ich, und wieder erscholl eine leise Antwort.
Ich war wie elektrisiert. Dort war ein anderer, einsamer Hund! Vielleicht, ja vielleicht könnte ich mich mit diesem Hund dort zusammentun? Gemeinsam wäre das Leben sicherlich einfacher! Irgendetwas in mir sehnte sich nach einem Kameraden.
Ich merkte mir die Richtung, aus der der Ruf erklungen war. Am nächsten Tag wollte ich mich auf die Suche machen.
<voriges Kapitel nächstes Kapitel>
|