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Bastardo
Der erste Sonnenstrahl fand mich bereits auf dem Weg. Ich nahm mir nur die Zeit, ein paar Grillen zu fangen gegen den Hunger. Dann trieb es mich weiter in Richtung des unbekannten Rufers.
Gegen Mittag kam ich an einen Zaun, der mir den Weg versperrte. Was sollte ich tun? Einen großem Umweg laufen? Nein. Ich wollte keine Zeit verlieren.
Vorsichtig versuchte ich, unter dem Stacheldraht hindurch zu kriechen. Es war nicht einfach, aber ich schaffte es. Ich lief weiter, meinem Ziel entgegen. Ich wusste, dass ich ihm immer näher kam, und war voller Vorfreude.
So achtete ich nicht genug auf meine Umgebung. Ein harter Schlag gegen meine Seite schreckte mich auf. Au, das tat weh! Ein Stein hatte mich getroffen.
"Verschwinde, Köter!" hörte ich eine Menschenstimme rufen. Wieder flog ein Stein. Ich schrie auf und rannte, so schnell ich konnte. Erneut kam ich an einen Zaun. Ich kroch eilig darunter durch.
Meine Seite schmerzte, und ich bekam kaum Luft. Trotzdem rannte ich, was die Beine hergaben. Aber dann konnte ich nicht mehr. Erschöpft und hechelnd legte ich mich unter einen Baum. Nur langsam kam ich wieder zu Atem.
Die Schmerzen an meinen Rippen ließen nicht nach. Ein großer Stein hatte mich dort getroffen. Es fühlte sich an, als sei etwas kaputt gegangen. Leise winselnd hoffte ich, es sei nicht so schlimm.
Vorsichtig erhob ich mich. Es tat weh. Aber es ging, ich konnte weiterlaufen. Nur noch langsam ging es voran. Ich hoffte, dass ich mein Ziel trotzdem erreichen würde.
Am Abend fand ich eine Ziegentränke mit abgestandenem Wasser und löschte meinen Durst. Hunger hatte ich keinen. Dazu taten mir meine Knochen zu weh.
Wieder heulte ich meine Traurigkeit in den Wind. Und wieder erscholl Antwort. Die gleiche Stimme wie am Abend vorher! Und sie klang viel näher.
Ich freute mich sehr. "Moooorgen!" heulte ich. Und "Mooorgen!" kam die Antwort.
Am nächsten Morgen weckte mich ein heulendes "Woooo?" "Hiiiieeer!" gab ich von mir. Rufend und heulend näherten wir uns einander, der einsame fremde Hund und ich.
Schließlich bemerkte ich eine Bewegung auf dem Hügelkamm über mir. Da war er! Ein schlanker dunkelbrauner Rüde kam langsam den Hügel herab auf mich zu.
Ich war so froh und glücklich, ihn zu sehen, dass ich strahlend auf ihn zulief. Ich leckte ihm die Lefzen und wedelte mit dem Schwanz, was das Zeug hielt.
"Nicht so stürmisch, Kleine!" brummelte er freundlich. "Ach, ich bin so froh!" jubelte ich und tanzte um ihn herum. "Es war so schrecklich, allein zu sein!"
Wir machten uns miteinander bekannt. Bastardo war schon länger unterwegs und hatte viel erlebt. Als ich ihn zaghaft fragte, ob ich bei ihm bleiben dürfte, nickte er. "Zu zweit werden wir sicherlich besser über die Runden kommen", meinte er.
Über meine Erfolge bei der Mäuse- und Grillenjagd lachte er nur. "Kaninchen! Kaninchen musst du jagen! Die sind saftig und lecker. Und dir kleinem Hüpfer genügt ein Kaninchen sicherlich für mehrere Mahlzeiten." Auf die Idee, Kaninchen zu jagen, war ich noch gar nicht gekommen.
"Ich zeig dir, wie's geht!" Gutmütig leckte mir Bastardo über die Nase. Dann stupste er mir spielerisch in die Seite. "Au!" entfuhr mir, denn er hatte die böse Stelle erwischt.
"Was ist los?" fragte er. Ich berichtete ihm, was passiert war. Er nickte. "Ja, Menschen werfen oft mit Steinen. Man muss gut aufpassen, wenn sie in der Nähe sind. Das lernst du auch noch. Tut es arg weh?" wollte er wissen.
"Och, es geht! Ich kann nur nicht so schnell laufen wie sonst."
Bastardo wiegte den Kopf. "Hmm. Dann bleibst du hier und ich versuche, unser Essen zu besorgen." Er drehte sich um und lief in leichtem Trab davon.
"Du kommst doch wieder?!" rief ich ihm nach. Er schaute über die Schulter zurück. "Ja doch! Wir bleiben zusammen!" Ich legte mich in den Schatten und döste. Die Sonne wanderte weiter. Es dauerte und dauerte, aber dann kam Bastardo den Hügel herab. Und er trug ein totes Kaninchen im Maul. Gemeinsam machten wir uns über die Mahlzeit her. Schließlich war ich total voll gefressen.
"Ah, das war gut!" Dankbar blickte ich Bastardo an. Dann fragte ich: "Sag mal, Bastardo. Weißt du, was der Strand ist?" "Strand? Nö. Nie gehört. Wie kommst du darauf?" Ich erzählte ihm, was der struppige Hund gesagt hatte. "Nun, wir können ja versuchen, ob wir den Strand finden", meinte Bastardo. "Wir können machen, was wir wollen!"
Ich kuschelte mich an seine Seite. "Ach, es ist so schön, dass du da bist, Bastardo." Er leckte mir das Ohr. "Ist schon gut, Kleine. Leg dich hin und schlaf."
Nun begann eine aufregende Zeit für mich. Bastardo brachte mir alle Tricks bei, die er kannte. So lernte ich, wie man Kaninchen auflauert und sie fängt. Und wie man Menschen schon von Ferne entdeckt und ihnen aus dem Weg geht.
Meine wehe Seite schmerzte immer weniger. Allerdings standen ein paar Knochen komisch nach außen. Aber das störte mich nicht.
Natürlich fingen wir nicht jeden Tag ein fettes Kaninchen. An manchen Tagen mussten wir uns auch mit Mäusen oder Grillen begnügen. Hier war ich die bessere Jägerin. Wir teilten uns jede Beute. So wurden wir beide einigermaßen satt, auch wenn uns die Rippen abstanden.
Schwieriger war es, Wasser zu finden. Manchmal mussten wir uns in die Nähe von Häusern und Höfen wagen, um ein paar Schlucke trinken zu können. Oft wurden Steine nach uns geworfen, wenn die Menschen uns entdeckten. Ein paar Mal wurde auch auf uns geschossen. Aber wir lernten immer besser, uns für Menschen unsichtbar zu machen.
Tage um Tage wanderten wir durch die Gegend. Wir hatten kein festes Ziel. Insgeheim hoffte ich, dass wir irgendwann einmal den Strand finden würden. Aber solange Bastardo bei mir war, war es mir eigentlich egal, wohin wir liefen.
Dann, eines Tages, sahen wir von einem Hügel eine große Ansammlung von Häusern. Und dahinter blitzte etwas Großes, Flaches im Sonnenlicht.
"Was ist das?" fragte ich Bastardo. "Keine Ahnung!" sagte er. "Vielleicht der Himmel!"
"Hihihihi!" kicherte es da neben mir in einem Gebüsch. Ich erschrak und sprang zur Seite. "Der Himmel! Wie kann man nur so dumm sein! Das ist doch nicht der Himmel!"
Ein alter Hund lugte aus dem Gebüsch. Bastardo knurrte: "Wer ist hier dumm?" Er war bereit, sich auf den fremden Hund zu stürzen.
"Nimm's mir nicht krumm, alter Freund! Ich bin kein Gegner für dich!" Der Hund leckte sich beschwichtigend über die Lefzen.
Vorsichtig kam ich ein Stückchen näher. "Was ist denn nun dieses Glitzerdings da in der Ferne?" wollte ich wissen.
"Das ist das Meer! Die vielen Häuser, das ist eine Stadt mit ganz vielen Menschen. Und zwischen den Häusern und dem Meer ist der Strand!"
"Der Strand!" sagte ich ehrfürchtig. "Warst du da schon? Wie ist es da? Gibt es da wirklich immer was zu fressen?" Ich setzte mich und blickte den alten Hund erwartungsvoll an. Auch Bastardo setzte sich und hörte zu.
"Der Strand, das ist ein flaches Stück Erde mit Sand. Jetzt, im Sommer, kommen da ganz viele Menschen hin. Die ziehen ihre Kunstfelle aus und legen sich auf die Erde. Dann lassen sie sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Manchmal gehen sie auch ins Meer und machen sich nass. Brrrrr. Das ist ekelhaft!" Er schüttelte sich und winselte.
"Aber da am Strand, da sind auch ganz viele kleine Häuschen. Da gehen die Menschen hin, um zu fressen. Und oft fressen die gar nicht alles auf, was sie in ihren Näpfen haben. Manchmal geben sie dann den Hunden den Rest. Oder man findet hinter den Häusern die Reste im Menschenabfall."
"Ist das nicht gefährlich? Ich meine, die Menschen?"
"Och, man muss sie nur zu nehmen wissen. Immer freundlich sein, mit dem Schwanz wedeln und so halt. Natürlich hält man immer Abstand von den Menschen, die man nicht kennt. Jedenfalls ist es am Strand ganz prima. Nur im Winter, da kommen die Menschen da nicht hin. Und dann findet man auch nichts zu fressen."
Gedankenverloren blickte der alte Hund vor sich hin. "Wenn ihr an den Strand geht oder überhaupt in die Stadt, dann müsst ihr euch vor den Hundefängern in Acht nehmen!"
"Hundefänger?" fragte Bastardo. "Ja, Hundefänger. Das sind Menschen mit einer Stange und da ist eine Schlinge dran. Die fangen die Hunde von der Straße weg. Das hab ich schon oft gesehen. Und die gefangenen Hunde, die kommen niemals wieder zurück!" erklärte der Alte.
"Willst du nicht mit uns kommen? Du weißt so viel von der Stadt und den Menschen. Wir könnten deine Hilfe brauchen!" Bastardo war sich sicher, dass der alte Hund noch mehr wusste, als er uns erzählt hatte.
"Wuff!" machte der Alte. "Ich kann nicht mitkommen. Mich hat ein Auto erwischt und jetzt kann ich meine Hinterbeine nicht mehr bewegen. Ich werde hierbleiben müssen und sterben."
"Sterben?" fragte ich leise. "Ja, sterben. Für immer von der Erde weg gehen über die Regenbogenbrücke. Sei nicht traurig, Kleine. Ich habe keine Schmerzen. Und ich bin alt und müde. Ich werde gerne gehen.
Aber ihr zwei, ihr solltet jetzt weiterziehen. Es wird bald dunkel. Wenn es dunkel ist, dann könnt ihr durch die Straßen der Stadt laufen, ohne dass man euch sieht. Geht an den Strand und versucht euer Glück."
Müde schloss der alte Hund seine Augen. Bastardo schaute mich an, dann erhob er sich. Langsam näherte er sich dem Alten und leckte ihm dann liebevoll das Ohr. "Vielen Dank für deine Ratschläge! Leb wohl. Eines Tages werden wir uns auf der Regenbogenbrücke wiedersehen!"
Traurig winselte ich einen letzten Gruß. Dann folgte ich Bastardo die Straße entlang.
"Was ist denn die Regenbogenbrücke, Bastardo?" wollte ich wissen. "Hat dir deine Mama das nicht beigebracht?" Ich schüttelte den Kopf.
"Die Regenbogenbrücke, das ist dort, wo wir Tiere hinkommen, wenn wir sterben. Dort ist alles schön und gut. Alle Tiere sind gesund und jung. Immer gibt es genug zu fressen für alle. Kein Hund muss ein Kaninchen töten, um leben zu können. Dort ist es einfach schön!"
"Ach, ich wollte, ich würde auch sterben!" seufzte ich leise. "Du kommst erst auf die Regenbogenbrücke, wenn deine Zeit gekommen ist, Kleine. So wie der alte Hund. Für ihn ist es Zeit zu gehen."
Langsam und vorsichtig näherten wir uns der Stadt. Immer mehr große Blechkisten standen am Straßenrand oder rannten laut brüllend den Weg entlang. "Autos!" erklärte mir Bastardo. "In den Kisten sitzen Menschen. Weil die nur zwei Beine haben, bauen sie solche Autos, damit sie schneller laufen können."
An den ersten Häusern angekommen, suchten wir uns ein Versteck. Dort wollten wir abwarten, bis es dunkel und ruhig würde. Dann erst würden wir uns auf den Weg zum Strand machen.
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