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Strandgänger
In der Dunkelheit liefen wir durch die menschenleeren Straßen der Stadt. Hinter den Hoftoren verbellten uns immer wieder Hunde. "Vagabunden! Streuner!" waren noch die harmlosesten Schimpfworte, die wir zu hören bekamen. Bastardo knurrte dann jedes Mal leise vor Wut. Beschimpfen lassen wollte er sich nicht. "Lass sie", versuchte ich ihn zu beruhigen. "Die wissen doch gar nichts von uns! Lass uns lieber weitergehen, bevor die Menschen wach werden."
Das sah Bastardo ein. Menschen konnten uns gefährlich werden. Hunde hinter Hoftoren nicht.
Endlich erreichten wir ungeschoren die letzten Häuser. Vor uns lag eine flache breite Fläche: der Strand! Vorsichtig betraten wir den Sand.
Er war noch warm von der Sonne, die ihn den ganzen Tag beschienen hatte. Weich gab er unter unseren Pfoten nach. Wir hörten das Meer leise ans Ufer rauschen. Der Wind war lau und trug uns die verschiedensten Düfte zu. Kleine Fledermäuse huschten durch die Luft und fingen Nachtinsekten.
"Ach", seufzte ich. "Das ist schön hier. So friedlich." Bastardo nickte. "Lass uns einen Schlafplatz suchen." Wir liefen den Weg entlang, bis wir neben einem kleinen Häuschen an der Strandpromenade ein dichtes Oleandergebüsch fanden. Darunter legten wir uns im weichen Sand zur Ruhe.
Am nächsten Morgen wurden wir von einem geknurrten "Was wollt ihr hier? Das ist unser Strand!" geweckt.
Drei Hunde standen vor unserem Gebüsch. Der Rudelführer stellte sein Fell und knurrte drohend. . Bastardo war sofort auf der Hut. Er sprang auf und nahm ebenfalls eine drohende Haltung ein.
"Was heißt hier 'unser Strand'?" fragte er. "Chica und ich wollen nichts von euch. Wir wollen unsere Ruhe haben, hier leben und überleben. Laßt uns einfach in Ruhe!"
"Streuner wie dich wollen wir hier nicht! Die Kleine kann bleiben, wenn sie will! Aber du verschwindest!" Der fremde Rudelführer machte sich groß. Er war ein struppiger Rüde mit ehemals weißem Fell, das ihm ungepflegt am Leib hing. Seine beiden Kumpane hielten sich zurück. Der eine, ein kleiner Pinscher, hatte ein zerfetztes Ohr. Der andere war von mittlerer Größe und hinkte leicht. Alles in allem war mit ihnen kein Staat zu machen.
Mit glänzenden Augen schaute ich "meinen" Bastardo an. Stolz und stark zugleich stand er vor dem fremden Rüden. Er kuschte nicht. Vornehm bestand er auf dem Recht jeden Hundes, sich frei zu bewegen.
Vorsichtig umkreisten sich Bastardo und der Fremde. Keiner wollte nachgeben. Doch plötzlich senkte der andere Rüde leicht den Schwanz. Irgendetwas an Bastardo's Haltung hatte ihm dessen Überlegenheit gezeigt.
Steifbeinig lief er zu einem Stein und hob das Bein. "Pah, was soll ich mich mit solchen Vagabunden wie ihr herumärgern! Ihr werdet sowieso nicht lange da sein. Solche Landeier haben hier auf Dauer keine Chance."
Er rückte mit seinen beiden Kumpanen ab. Bastardo überpinkelte seine Duftmarke. "Angeber!" brummte er dabei. "Große Klappe, nix dahinter!" Er kratzte noch zusätzlich seine Zeichen in den Sand.
Ich war so stolz auf Bastardo. Was für ein Rüde! Glücklich leckte ich ihm die Lefzen.
"Komm, wir wollen uns umschauen, wo wir was zu fressen finden können!" Bastardo übernahm die Führung.
So begannen unsere Tage am Strand. Staunend erlebten wir, wie Tag für Tag viele Menschen hierher kamen. Ihre Autos parkten sie am Weg, dann marschierten sie vollbepackt auf den Sand. Dort suchten sie sich einen Liegeplatz.
Viele kleinere Menschen waren dabei. Sie rannten und johlten und planschten im Wasser. Die großen Menschen waren ruhiger. Oft lagen sie nur mit ganz wenig Kunstfell bedeckt in der Sonne. Andere spielten mit einer runden Kugel, die sie durch die Luft warfen.
Es war ein stetes Kommen und Gehen. Oft lagen wir in unserem Oleanderbusch und beobachteten das Treiben. Manchmal fanden Menschen ihren Liegeplatz direkt vor unserem Versteck, ohne uns zu sehen.
Nach ein paar Tagen hatten wir eine gewisse Routine entwickelt. Am frühen Morgen machten wir uns auf den Weg zu den Abfallplätzen der Menschen. Dort fanden wir fast immer etwas zu fressen. An einem Springbrunnen vor einem großen Haus löschten wir unseren Durst. Dann liefen wir zurück in unser Versteck und verschliefen den Tag.
Abends, wenn der Strand sich leerte, durchsuchten wir die Abfälle, die die Menschen dort zurückließen. Am späten Abend kamen andere Menschen, die diese Abfälle wegräumten. Bis dahin mussten wir unseren Hunger gestillt haben.
Wir hielten so gut es ging Abstand von allem, was auf zwei Beinen lief. Manchmal wurden wir entdeckt. Einige Menschen versuchten uns zu locken, aber auch wenn ihre Stimmen sehr freundlich klangen, hielten wir Abstand zu ihnen. Wie der struppige Hund uns geraten hatte, wedelten wir immer mit dem Schwanz und zeigten, was für nette Hunde wir waren. Aber wir gingen nie zu einem Menschen hin.
Ein paar Tage lang war mir sehr seltsam zumute. Ich wollte nicht, dass Bastardo mir zu nahe kam. Andererseits wollte ich mich aber auch bei ihm ankuscheln. Ich wußte gar nicht, was los war. Fremde Rüden verfolgten und bedrängten mich plötzlich. Mein Begleiter hatte alle Pfoten voll zu tun, sie zu vertreiben.
Schließlich konnte ich nicht mehr anders und folgte dem Ruf der Natur. Und aus meinem Begleiter Bastardo wurde mein Mann.
Wenige Wochen später bemerkte ich, dass ich dicker geworden war. Immer schwerfälliger wurde ich. Unruhig suchte ich immer andere Schlafplätze auf. Keiner war mir recht. Endlich entdeckte ich ein dunkles Loch unter der Veranda eines verlassenen Hauses.
Bastardo hatte alle meine Launen mit Geduld ertragen. "Du bist schwanger, meine Kleine!" hatte er mir erklärt. "Du wirst Babies bekommen. Meine Babies!"
Eines Abends zog ich mich in das Loch zurück. Das sollte meine Kinderstube werden. Ich spürte einen ziehenden Schmerz und wußte: meine Kinder wollten geboren werden. Ergeben wartete ich. Immer wieder zog der Schmerz durch meinen Körper.
Endlich: mit einem kräftigen Pressen wurde mein erstes Baby geboren. Nass und glitschig lag mein Sohn zwischen meinen Pfoten. Ich stupste ihn an und leckte ihn ab. Ein leichtes Wimmern sagte mir, dass er gesund und munter war. Kaum war mein Erstgeborener einigermaßen trocken, als auch schon seine Schwester geboren wurde.
Nach und nach brachte ich vier Babies zur Welt. Alle vier waren dunkelbraun wie ihr Papa. Glücklich betrachtete ich meine Kinder. Es waren die schönsten Hundekinder der Welt.
Leise rief ich Bastardo. Er steckte vorsichtig den Kopf in die Höhle.
"Schau, mein Schatz. Das sind deine Kinder! Zwei Söhne und zwei Töchter!" Staunend betrachtete er die Kleinen, die zufrieden an meiner Seite lagen und an meinen Zitzen nuckelten.
"Sie sind wunderschön!" stellte er stolz fest. "Ganz der Papa halt!" lachte ich.
Nun begann eine schwierige Zeit für Bastardo. Ich konnte meine Kleinen ja nicht alleine lassen. So mußte er für unser Fressen sorgen. Er machte seine Sache sehr gut, und unsere Kinder wuchsen und gediehen.
Schließlich öffneten sich ihre Augen und Ohren. Vorsichtig erkundeten sie ihre Umgebung. Als sie besser zu Fuß waren, verließen wir abends gemeinsam unsere Höhle und gingen an den Strand. Hier konnten sie springen und toben, soviel sie wollten. Morgens kehrten wir in unser Loch zurück, bis die Kinder ein paar Wochen alt waren.
Dann führte ich sie auch tagsüber nach draußen. Bastardo und ich zeigten ihnen, wo man am Strand Futter finden konnte. Sie lernten, wie man Autos ausweicht und wie man die Menschen freundlich stimmt.
Alles, was wir wußten, versuchten wir ihnen beizubringen. Das war gar nicht so einfach, denn sie hatten oft nur Dummheiten im Kopf.
Aber wenn wir dann gemeinsam in einem unserer Verstecke lagen und sie nach einer Geschichte verlangten, dann konnten wir ihnen nicht böse sein. Bastardo erzählte ihnen aus seinem Leben und ich aus meinem. Von meiner Mutter Halka und unserem Herrchen mit dem knallenden Stock. Ehrfürchtig lauschten die Kleinen diesen Erzählungen.
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