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Schwere Zeiten
Der Sommer ging seinem Ende zu. Langsam wurden die Tage kürzer und kühler. Meine Babies waren inzwischen zu kräftigen Junghunden herangewachsen. Tagsüber gingen sie oft ihre eigenen Wege, aber nachts kamen sie immer noch in unser Versteck zum Schlafen.
Vor allem die beiden Buben waren viel unterwegs. Sie schlossen sich zeitweise anderen Junghunden an und erkundeten die nähere und weitere Umgebung.
Ich war immer sehr unruhig, wenn sie so abenteuerlustig waren. Aber sie lachten mich aus: "Da passiert schon nix, Mama!" Leider sollte mich mein Gefühl nicht getäuscht haben.
Eines Abends war der älteste nicht nach Hause gekommen. Bastardo versuchte mich zu beruhigen, aber ich war mir sicher: "Meinem Kleinen ist etwas passiert!" Am nächsten Morgen machte ich mich auf die Suche.
Am späten Nachmittag fand ich meinen Sohn. Tot lag er im Straßengraben. Ein Auto hatte ihn überfahren. Mein wunderschöner, leichtsinniger Sohn, mein erstes Baby war auf die Regenbogenbrücke gezogen.
Traurig ließ ich seinen leblosen Körper zurück und trabte nach Hause. Nun waren die Geschwister doch etwas vorsichtiger. Aber ihr Gefühl trieb sie hinaus ins Ungewisse. Nach und nach verloren wir uns aus den Augen, als sie sich mit anderen Hunden zu Kleinrudeln zusammenschlossen.
Bastardo und ich waren wieder alleine und nahmen unser ruhiges gemeinsames Leben wieder auf.
Es wurde schwieriger, etwas zu Fressen zu finden. Weniger Menschen kamen tagsüber an den Strand. Auch die kleinen Futterhäuschen der Menschen waren zum großen Teil geschlossen, die Abfallplätze blieben leer. Immer größere Strecken mussten wir laufen, um unsere Mägen zu füllen.
Manchmal gingen wir das Risiko ein und untersuchten den Abfall eines großen Hotels. Hier bestand die Gefahr, dass die Menschen, die dort arbeiteten, uns entdecken und vertreiben würden. Aber wenn der Magen knurrt und der Körper Nahrung braucht, dann schiebt Hund so manche Bedenken zur Seite.
Eines frühen Nachmittages näherten wir uns vorsichtig dem Abfallplatz des größten Hotels am Strand. Trotz unseres Hungers ließen wir uns Zeit und hielten nach Menschen Ausschau. Als wir keine entdecken konnten, begannen wir, die Abfalltonnen zu untersuchen.
Bastardo hatte eine Methode entwickelt, die Tonnen umzuwerfen. Meist gingen dann die Deckel auf und wir konnten den Inhalt auf Fressbares überprüfen.
Ich war gerade dabei, einen Kotelettknochen aus einer Tonne zu ziehen, während Bastardo bereits die nächste Tonne umwarf. Da hörte ich ihn jämmerlich aufheulen: "Chica, verschwinde! Der Hundefänger! Er hat mich! Lauf, Chica, lauf!"
Ich konnte sehen, wie er verzweifelt gegen die Schlinge ankämpfte, die ihn gefangen hielt. Er zappelte und knurrte und warf sich hin und her, aber der Mensch, der ihn erwischt hatte, ließ nicht los, sondern schleppte ihn zu einem großen geschlossenen Auto.
Aus dem Augenwinkel sah ich eine schnelle Bewegung und sprang zur Seite. Ein zweiter Hundefänger hatte sich angeschlichen und versuchte, mich zu fangen. Ich schlug einen Haken und flitzte davon. Durch ein Loch im Zaun konnte ich entkommen.
Als ich wieder zu Atem kam, wurde mir die Tragweite bewußt. Bastardo, mein geliebter großer Beschützer, war verschwunden. "Die gefangenen Hunde, die kommen niemals wieder zurück!" Das hatte der alte Hund gesagt, der lange genug in der Stadt gelebt hatte, um es zu wissen.
Sollte ich meinen Bastardo wirklich nie mehr wiedersehen? War ich wieder alleine?
Vorsichtig schlich ich zurück in unser Versteck. Vielleicht - ja vielleicht würde Bastardo entkommen können. Dann würde er seinen Weg zu mir finden, da war ich sicher. Mehrere Tage traute ich mich kaum aus unserem Versteck. Nur zum Trinken lief ich schnell an den Brunnen. Hunger hatte ich keinen. Meine Hoffnung, Bastardo würde sich befreien können, wurde immer kleiner.
Eines Morgens gab ich sie auf. Bastardo würde nie mehr zurückkommen. Ich war auf mich selbst gestellt. Wenn ich nicht verhungern wollte, musste ich etwas zu fressen finden.
Ich machte mich langsam und lustlos auf die Suche. Und staunte nicht schlecht. Innerhalb der wenigen Tage, an denen ich nicht auf Futtersuche gewesen war, hatte sich die Stadt verändert. Kein einziges der Futterhäuschen der Menschen am Strand war mehr geöffnet. Nur ganz wenige Menschen sah ich am Strand. Und diese lagen nicht in der tiefstehenden Herbstsonne, sondern gingen höchstens spazieren.
Zu den Abfallplätzen der Hotels wagte ich mich nicht mehr. Zu tief saßen der Schreck und die Angst, der Hundefänger könnte zurückkehren.
Aber ich brauchte Futter. Dringend sogar. Nur: am Strand gab es keine Kaninchen oder Mäuse. Ratten gab es. Aber Ratten sind ziemlich kräftige Biester, die sich zu wehren wissen. Sie zu fangen konnte zu Verletzungen führen. Ja, mit Bastardo hätte ich es gewagt. Aber alleine?
Ich erinnerte mich, dass der alte Hund an der Straße uns gewarnt hatte: "Im Winter, da kommen die Menschen nicht an den Strand. Und dann findet man auch nichts zu fressen."
Ich entschloss mich, zurück in die Hügel zu laufen. Vielleicht würde ich dort leichter satt werden. Schließlich hatte Bastardo mir das Kaninchenjagen beigebracht. Die Chancen waren jedenfalls deutlich besser, dort etwas zu fangen als hier am leeren Strand.
Noch in der gleichen Nacht lief ich durch die Straßen Richtung Hinterland. Ich wollte mir in der Nähe der Stadt einen sicheren Unterschlupf suchen. Dort wollte ich die kommenden kühlen Tage und Nächte verbringen bis ins nächste Frühjahr.
Nach zwei Tagen fand ich endlich eine kleine Höhle, in der ich meine Nächte verbringen konnte. Inzwischen hatte sich das Wetter verschlechtert: die Regenzeit hatte begonnen. An manchen Tagen regnete es ununterbrochen. Ich lag dann in meiner Höhle und blickte sinnend ins Freie.
Ich hasste es, nass zu werden. Aber der Hunger trieb mich immer wieder nach Draußen. Doch die Kaninchen, Mäuse und Grillen lagen in ihren trockenen Verstecken. Ich fand nur wenig zu fressen und wurde immer magerer und schwächer.
Schließlich war ich so erschöpft, dass ich eines Tages auf der Suche nach Nahrung in der Nähe einer Straße zusammenbrach. Ich konnte nicht mehr weiter. Müde und abgestumpft lag ich im Freien. Der Regen strömte herab, aber ich konnte nicht mehr aufstehen. Und eigentlich wollte ich auch gar nicht weitermachen.
So lag ich da und wartete. Ich erinnerte mich an die Regenbogenbrücke. Vielleicht war es nun meine Zeit, dorthin zu gehen. Ich war bereit.
Da hörte ich, wie ein Auto vorbeifuhr, dann bremste und hielt. Eine Autotür wurde geöffnet, dann wieder zugeschlagen. Schritte näherten sich. Ergeben in mein Schicksal blieb ich regungslos liegen.
"Der lebt ja noch!" hörte ich eine Stimme. Ich öffnete die Augen und sah einen Menschen sich über mich beugen. Ängstlich versuchte ich wegzulaufen. Aber ich konnte nur kriechen.
"Ruhig, meine Kleine. Gaaaaanz ruhig!" Die Stimme des Menschen klang freundlich. Das hörte ich trotz meiner Panik. Der Mensch stand auf und ging weg, zurück zu seinem Auto. Ich beobachtete ihn, so gut ich nur konnte. Was hatte er vor?
Er öffnete die rückwärtige Tür und holte etwas aus dem Wagen. Das trug er zu mir. Wieder versuchte ich wegzukommen. Die Anstrengung war zuviel, ich brach zusammen. Wie durch einen Nebel bemerkte ich, dass der Mensch etwas Warmes, Weiches um mich wickelte. Ich konnte mich nicht mehr bewegen!
Dann wurde ich hochgehoben und getragen. Schließlich legte der Mensch mich auf eine flache, seltsam riechende Fläche. "Ganz ruhig, Kleines. Wir kriegen dich schon wieder hin. Bleib nur brav liegen!" Wieder klang die Stimme ruhig und freundlich.
Ich entspannte mich etwas. Die Wärme der Decke, in die der Mensch mich eingewickelt hatte, wirkte beruhigend. Die Bewegungen des Autos und das Brummen des Motors wiegten mich in einen leichten Schlaf.
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