Die Rettung

Mit einem sanften Ruck bremste das Auto, und ich erwachte. Mein Fell war unter der warmen Decke getrocknet und ich fühlte mich etwas besser. Aber ich war schwach. Ach, so schwach. Ich konnte kaum den Kopf heben.

Die Tür des Autos wurde geöffnet. Der Mensch, der mich gefunden hatte, schaute in das Fahrzeug. Vorsichtig hob er mich mitsamt der Decke hoch. Ergeben ließ ich alles mit mir machen. Ich war zu müde, um mich zu wehren. Mir war alles egal.

Der Mensch trug mich an einen schrecklich hellen Ort. Es roch dort ganz seltsam. Der Platz, auf den mich der Mensch legte, war hart und kalt. Er glänzte im hellen Licht.
'Hier werde ich also sterben', schoss mir durch den Kopf. Doch die Hände des Menschen strichen beruhigend über meinen Körper.

Ein zweiter Mensch kam in den Raum. Ich konnte hören, wie die beiden Menschen leise miteinander sprachen.

"Sie ist total ausgezehrt", sagte der eine. "Da ist nur wenig Hoffnung." "Ja, aber sie ist noch jung. Wir sollten es probieren", sagte der andere.

Immer noch streichelten mich die sanften Hände. Das war ein sehr schönes Gefühl! Dann faßte der Mensch eines meiner Vorderbeine. Ich zuckte zusammen, aber er tat mir nicht weh. Ruhig und vorsichtig hielt er das Bein.

Der andere Mensch trat hinzu. Er tat etwas mit meinem Bein. Ein kurzer Pieks, dann war es vorbei. Ein komisches Ding steckte in meinem Bein. Daran war eine dünne durchsichtige Schlange, die zu einem Beutel reichte, der in der Luft zu schweben schien.

"Wenn die Infusion durchgelaufen ist, werden wir weitersehen!" hörte ich den zweiten Menschen sagen. "Legen wir sie dort auf die Decke."

Sanft griff der Mensch zu und trug mich auf einen warmen Platz auf dem Boden. Er hockte sich neben mich und streichelte mich noch einmal. "Mach's gut, Kleine! Wenn es dir besser geht, dann hole ich dich! Bis dahin kümmert sich der Doktor um Dich!"

Einige Zeit später fühlte ich mich besser. Irgendetwas war mit meinem Körper passiert. Ich war immer noch schwach, aber nicht mehr so schwach wie vorher. Ich versuchte aufzustehen.

"Na, dir geht es wohl besser?" hörte ich eine Stimme. Der zweite Mensch kam auf mich zu. Weglaufen konnte ich nicht, meine Beine wollten mich nicht tragen. So konnte ich mich nur hilflos an die Wand drücken.

"Keine Angst, Kleines!" Ruhig hockte sich der Mensch neben mich. "Du kommst jetzt in eine Box und bekommst etwas zu fressen. Dann geht es dir bestimmt bald wieder gut!"

Die nächsten Tage verbrachte ich hauptsächlich mit Schlafen.

Zweimal täglich bekam ich eine Schüssel mit Futter gebracht, die ich immer erst misstrauisch beschnupperte. Ich fraß erst, wenn ich sicher war, dass der Mensch nicht in meiner Nähe war.

Immer wieder kam der Doktor zu mir und strich mir über den Körper und über den Kopf. Er sprach stets sehr ruhig und freundlich mit mir. Bald begann ich, mich auf seine Besuche zu freuen. Vorsichtig wedelte ich mit dem Schwanz, wenn er sich näherte.

Als ich wieder etwas zu Kräften gekommen war, band mir der Mensch ein Band um den Hals. Dreimal täglich wurde ich nun an der Leine nach draußen geführt, damit ich meine Geschäfte erledigen konnte.

Schließlich fühlte ich mich wieder recht wohl. Meine Rippen stachen nicht mehr so stark durch das Fell.

Ich war immer noch misstrauisch Menschen gegenüber. Der eine hier, der Doktor, der war ja ganz nett. Er hatte nicht einmal geschimpft, als ich meine Geschäfte nicht ordentlich im Draußen machen konnte (Mein Herrchen hatte mich wegen so einer Sache mal richtig verprügelt!). Aber wer weiß schon, was in den Köpfen von Menschen vorgeht? Vielleicht würde auch der Doktor mich einmal schlagen? So war ich weiterhin vorsichtig in seiner Nähe.

Dann, eines Tages, kam der Mensch zurück, der mich an der Straße gefunden hatte.

"Na, Kleine, du siehst ja schon viel besser aus!" sagte er zu mir. Er drehte sich um zum Doktor und meinte: "Sie ist doch gründlich untersucht worden, nicht wahr?"

"Ja", meinte dieser. "Sie ist auf alles getestet worden, was nötig ist. Die Kleine hat Glück, sie ist topfit! Wir haben sie auch entwurmt. Nur geimpft ist sie noch nicht. Aber die Erstimpfung können wir noch machen, bevor Sie sie mitnehmen."

Der Doktor hob mich vorsichtig auf den kalten Tisch. Während der Mensch mich vorsichtig streichelte und festhielt, spürte ich einen Pieks im Nacken. "So, das war's schon. Ich mach noch die Papiere fertig, dann darf sie mit Ihnen gehen."

Der Mensch zog eine lederne Schlinge aus der Tasche und hielt sie mir unter die Nase. "Riech mal, Kleine! Das ist ein Halsband! So etwas wirst du nun immer tragen, damit man sieht, dass du kein Streuner mehr bist. Keine Sorge, das tut nicht weh!"

Er legte mir die Schlinge um den Hals. Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete mich. "Schick siehst du aus!" Er befestigte eine Leine an dem Halsband und hob mich auf den Boden.

"Auf bald, Herr Doktor! Die Rechnung schicken Sie wie üblich an den Verein, nicht wahr?" Die beiden Männer schüttelten sich die Hände. Der Doktor kniete sich noch einmal neben mich.

"Mach's gut, Kleine! Such dir ein liebes Herrchen oder Frauchen aus!" Zärtlich strich er mir über den Kopf. Irgendwie konnte ich da nicht anders - ich musste ihm einfach die Hand ablecken.

<voriges Kapitel                               nächstes Kapitel>