Es geht weiter

Der Mann brachte mich zu einem Haus mit Gelände, auf dem viele große Ausläufe eingezäunt waren. In jedem Auslauf liefen mehrere Hunde herum. Alle bellten aufgeregt, als ich aus dem Auto ausstieg.

Ängstlich zog ich den Schwanz ein. So viele Hunde hatte ich noch nie auf einmal gesehen. Und alle lärmten und riefen durcheinander. Es war ein Krach, der einem Angst machen konnte.

Der Mann lachte nur. "Du brauchst dich nicht zu fürchten, Kleine. Die tun nur so, als ob sie dich fressen wollen. Die sind gar nicht so!"

Er begrüßte eine junge Frau, die aus dem Haus getreten war. "Consuela, das ist die Kleine, von der ich dir erzählt habe."

Consuela hockte sich auf die Erde und betrachtete mich genau. Wer sie wohl war? Sie roch gut und freundlich. Vorsichtig begann ich, mit dem Schwanz zu wedeln.

Die Frau drehte sich ein wenig zur Seite und blickte an mir vorbei. Dabei blinzelte sie deutlich sichtbar mit ihren Augen. Sie verstand und sprach Hundesprache! Ihr Blinzeln und ihre Haltung sagten mir: 'Ich will dir nichts tun, du brauchst keine Angst vor mir zu haben!'

Langsam näherte ich mich ihr und beschnupperte ihre Hände und ihr Gesicht. Und dann leckte ich ihr vorsichtig das Kinn. Sie ließ es geschehen. Leise sagte sie: "Alles wird gut werden. Du bist ja eine ganz liebe Maus! Braves Mädchen!"

Sie erhob sich vorsichtig, um mich nicht zu erschrecken. "Hat sie denn schon einen Namen?" fragte sie den Mann. "Nein, eigentlich nicht. Aber ich denke, Pepita würde zu ihr passen, oder?" "Warum nicht?" Die Frau hockte sich nochmal vor mich und erklärte: "Also, du wirst von nun an Pepita heißen!"

'Pepita'? Ich heiße 'Chica', wollte ich sagen. Aber andererseits - warum nicht Pepita? Das klang gar nicht so schlecht.

Consuela brachte mich zu einem der Ausläufe. Er war nicht sehr groß und nur ein älterer Hund lebte darin.

"Paco", rief Consuela den Rüden. "Das ist Pepita. Sie ist neu hier. Sei lieb zu ihr und zeige ihr alles, ja?" Sie streichelte den Rüden und verließ dann den Auslauf.

Unsicher stand ich vor dem Hund. Er musterte mich von oben bis unten, von der Nasen- bis zur Schwanzspitze. Dann wedelte er mit dem Schwanz und lächelte mich an. "Herzlich willkommen! Du hast es geschafft! Hier wird es dir gut gehen. Und wenn du Glück hast, dann kriegst du ein neues Herrchen oder Frauchen!"

"Darauf kann ich verzichten!" gab ich zur Antwort. "Herrchen schlagen Hunde nur!"

Da lachte der Rüde laut auf. "Richtige Herrchen oder Frauchen machen das nicht! Hier bei uns wird kein Hund geschlagen!"

"Wo bin ich denn hier?" wollte ich wissen.

Paco setzte sich hin. "Ich werde es dir erklären. Dieses Gelände gehört einer Familie aus einem anderen Land. Diese Menschen wohnen nicht hier, sondern ganz weit weg. Sie kommen nur ein paarmal im Jahr vorbei und schauen, ob alles in Ordnung ist.

Diese Familie hat viel Geld. Die Leute mögen Tiere sehr gern, vor allem uns Hunde. Deshalb haben sie diese Station hier gegründet. Mit anderen Menschen, die Tiere auch gern haben, suchen sie so arme Streuner wie du einer bist, fangen sie ein und kümmern sich um sie. Manchmal holen sie auch Hunde ab, die der Hundefänger eingefangen hat.

Wenn wir zu viele Hunde sind, dann werden ein paar von uns ausgesucht. Die kommen dann zu neuen Herrchen oder Frauchen."

"Und woher weißt du das?" wollte ich wissen.

"Nun, ich bin schon sehr lange hier. Ich bin zu alt zum Vermitteln, sagt Consuela. Ich bekomme hier mein Gnadenbrot. Und so habe ich schon manches erlebt und gesehen. Immer wieder einmal kommen Zweibeiner mit Hunden vorbei, die hier einmal gewohnt haben.

Im letzten Jahr konnte ich mich mit so einem Hund unterhalten. Und der hat mir erzählt, dass er nun ganz weit weg wohnt in einem anderen Land. Dort ist es viel kälter als hier. Aber das macht ihm nichts aus, denn er hat ein ganz liebes Herrchen, das sich um ihn kümmert.

Als der Hund mit seinem Herrchen wieder weggegangen ist, haben sie noch einen von uns mitgenommen. Leider nicht mich!" seufzte Paco. "Ich hätte auch gerne ein eigenes Herrchen!"

Traurig blickte er gedankenverloren in die Ferne. Ich schaute ihn einen Moment lang an, dann legte ich mich in eine schattige Ecke.

Ich hatte viel nachzudenken über das, was Paco erzählt hatte. Es hatte eine unbestimmte Sehnsucht in mir geweckt. Vielleicht? Vielleicht würde auch ich eines Tages einen netten Menschen haben, der mich versorgte und lieb zu mir war?

Ich gewöhnte mich schnell an den Rhythmus, der hier herrschte. Morgens kamen Consuela und ihre Helfer und brachten uns unser Frühstück. Dann säuberten sie die Ausläufe. Am Nachmittag erhielten wir noch einmal eine Portion Futter.

Ansonsten hatten wir Freizeit und konnten tun und lassen, was wir wollten. Ab und zu kam Consuela oder ein Helfer und holte einen Hund, um ihn zu bürsten, die Haare oder Krallen zu schneiden. Andere Hunde bekamen Medikamente.

Alle Hunde wurden nett und freundlich behandelt. Kein Mensch schimpfte oder wurde laut, keiner schlug oder trat einen von uns.

Nach und nach legte ich meine schlimmsten Ängste ab. Consuela half mir sehr dabei. Bei ihr hatte ich immer ein besonders schönes Gefühl, wenn ich sie sah. Wenn sie mich streichelte, wurde mir ganz warm ums Herz. Ach, warum konnte nicht Consuela mein Frauchen sein?

Eines Tages kam Consuela und holte mich aus dem Auslauf. "Tja, Paco, sag 'Lebwohl' zu Pepita! Unser Schätzchen wird nach Deutschland geflogen, damit sie dort vermittelt wird."

Eigentlich wollte ich nicht gehen. Ich wollte bei Consuela bleiben. Und Paco war inzwischen ein guter Freund und Beschützer geworden.

Consuela bürstete mir noch einmal das Fell. "Weißt du, Pepita, du kommst jetzt erst einmal zusammen mit Rosa zu Nicole nach Deutschland. Und Nicole sucht dann einen netten Menschen, der sich um dich kümmert", erklärte sie mir dabei.

Rosa kannte ich. Sie war eine etwas griesgrämige Hündin aus dem Nachbarauslauf. Man konnte aber mit ihr auskommen.

Consuela öffnete eine große Box und hob mich hinein. Sie streichelte mir noch einmal über den Kopf. "Mach's gut, kleine Pepita!" sagte sie. Dann verschloss sie die Box.

Zusammen mit einem der Helfer trug Consuela meine Box und die von Rosa zu einem Auto. Wir fuhren eine längere Wegstrecke. Dann waren wir am Flughafen angekommen.
Wir hörten viele Menschen aufgeregt durcheinander laufen. Seltsame Gerüche nach Gummi, Schweiß und Abgasen drangen zu uns. Wieder einmal hatte ich allen Grund, ängstlich zu sein.

Es rumpelte, die Box wackelte. Ich spürte, dass wir uns bewegten. Fremde Menschen packten unsere Boxen und trugen uns irgendwohin. Eine große Klappe schloss sich hinter uns. Es war dämmrig und ruhig.

"Rosa!" rief ich leise. "Ich bin hier!" kam die unsichere Antwort. Ich war nicht alleine. Auch wenn wir keine Freunde waren, so teilten wir nun doch das gleiche Schicksal. Es war ein tröstlicher Gedanke, dass Rosa in einer Box neben mir saß und genauso aufgeregt war.

Längere Zeit tat sich überhaupt nichts, dann hörten wir ein seltsames, heulendes Geräusch. Wir spürten, dass sich der Boden bewegte. Er wurde plötzlich schief und schräg und ich rutschte an eine Wand der Box. Langsam wurde der Boden wieder eben. Das Geräusch war nun nicht mehr so laut, nur monoton und einschläfernd.

Ich wurde müde. Daher legte ich mich hin und döste. Schlafen konnte ich nicht, dazu war ich zu aufgeregt.

Die Reise dauerte Stunden, so kam es mir vor. Schließlich änderte sich das monotone Geräusch, ich spürte, wie der Boden immer wieder nach unten sank. Dann gab es einen kurzen Ruck. Wir rollten noch etwas und standen plötzlich still.

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