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Ein fremdes Land
Nach einer Weile öffnete sich die große Klappe wieder. Frische Luft und helles Licht drang zu uns herein.
Unsere Boxen wurden heraus- und auf einen Wagen gehoben. Durch die Gittertüren konnten wir die Gegend betrachten. Sie schien nur aus grauen Betonflächen zu bestehen. Ein kühler Wind blies uns fremde Gerüche und seltsame Geräusche entgegen.
Wo war die warme Sonne, die ich bisher gekannt hatte? Wo der Duft nach Meer und Fisch, wo das monotone Zirpen von Grillen? Ich war in eine völlig andere Welt gebracht worden!
Eine fremde Frau öffnete schließlich das Gitter der Box. Sie schaute mich freundlich an: "So, du bist also Pepita… Nun, dann wollen wir uns mal die Beine vertreten!"
Sie band mir eine Leine ans Halsband und hob mich aus der Box. Unsicher stand ich auf meinen Beinen und blickte mich vorsichtig um. Rosa wurde aus ihrer Box befreit. Ich war so froh, sie zu sehen! Auch sie freute sich, ein bekanntes Gesicht zu entdecken.
Die Frau führte uns an der Leine zu einem grünen Flecken. Frisches Gras! Erde! Ich war froh, dass es so ein Plätzchen gab. Schnell erledigten Rosa und ich die dringendsten Geschäfte. Aber als wir die Gegend erschnuffeln wollte, hielt uns die Frau zurück.
"Sorry, Kinder! Wir haben dazu jetzt gar keine Zeit. Eure Reise ist noch nicht zu Ende!"
Sie zeigte uns den Weg zu einem Auto. Hier fanden wir unsere Boxen wieder. Die Frau hob uns hinein.
Allerdings saß ich nun plötzlich in Rosas Box und sie in meiner. Menschen und ihre schwachen Nasen! Einem Hund wäre das nicht passiert! Nun ja, es war ja nicht schlimm.
Das Auto fuhr los. Durch das Gitter der Box konnten wir ein wenig nach Draußen sehen. Viele andere Autos fuhren in die gleiche Richtung wie wir. Mir wurde schwindelig, so schnell bewegten sie sich. Da legte ich mich lieber hin und wartete darauf, was weiter passieren würde.
Wir fuhren eine ganze Weile. Schließlich hielt das Auto an und ich hörte, wie die Autotür geöffnet wurde. Dann ging die hintere Klappe des Wagens auf.
Erneut befestigte die Frau die Leinen an unseren Halsbändern. Anschließend führte sie Rosa und mich in ein Haus.
Ich schnuffelte. Den Geruch kannte ich doch! So hatte es bei dem netten Doktor gerochen! Ob er wohl hier war? Ob ich ihn sehen würde?
Doch ich wurde enttäuscht. Der Doktor war nicht hier. Wieder kam ich in fremde Hände. Eine weitere Frau übernahm meine Leine.
"Na, Pepita, dann wollen wir mal!" Sie hob mich auf einen Tisch. Vorsichtig tastete sie meinen Körper ab. Sie bewegte sich ruhig und sicher. Deswegen hatte ich auch gar keine Angst vor ihr!
"Tja, du bist soweit ok. Deine kaputte Rippe brauchen wir nicht zu behandeln, die ist schon verheilt und behindert dich nicht", sagte die Frau leise zu mir. "Wie ist das nur passiert? Bist du getreten worden?"
Sie hielt meine Vorderpfote fest und stach mit einer Nadel hinein. Es gab nur einen kleinen Pieks. Dann spürte ich, wie etwas Warmes in meinem Bein nach oben lief. Es war kein unangenehmes Gefühl! Mir wurde plötzlich leicht ums Herz. Gleichzeitig wurde mein Kopf immer schwerer. Meine Gedanken verwirrten sich, meine Augen fielen zu.
"So, sie ist bereit. Wir können beginnen…" Das waren die letzten Worte, die ich hörte, dann war ich eingeschlafen.
Irgendwann erwachte ich wieder. Ich fühlte mich fürchterlich! Meine Augenlider waren zu schwer, ich konnte die Augen gar nicht richtig offen halten. Ich spürte, dass Rosa neben mir lag. Auch sie sah nicht sehr fit aus.
Mein Bauch zwickte. Kühle Luft verriet mir, dass mein Fell dort irgendwie abhanden gekommen war. Grübelnd versuchte ich, das Rätsel zu lösen, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Immer wieder drifteten meine Gedanken in die Ferne.
Auch Aufstehen konnte ich nicht. Meine Beine wollten nicht so, wie ich es wollte. Panik wollte sich breitmachen, aber gleichzeitig war mir alles egal.
Ich muss wieder weggedöst sein, denn irgendwann erwachte ich erneut. Ich lag in einem fremden Raum auf einer Decke. Ein freundlicher Mischlingsrüde stand vor mir. "Na, endlich ausgeschlafen?" begrüßte er mich. "Herzlich willkommen in Deutschland!"
Ich gähnte erst einmal ausgiebig. Dann bedankte ich mich bei dem Rüden für den netten Gruß. "Wo bin ich denn hier? Und wer bist du?"
"Ich bin Berti. Und du und Rosa seid hier in meinem Zuhause. Mein Frauchen ist Nicole, die wird euch eigene Frauchen oder Herrchen suchen. Heute abend kommen schon ein paar, die euch anschauen wollen."
"Ach ja? Mir egal…" Rosa hatte mal wieder ihr griesgrämiges Gesicht aufgesetzt. Ich dagegen war sehr aufgeregt, versuchte es aber nicht zu zeigen. Menschen wollten kommen, um mein Frauchen oder Herrchen zu werden!
Sehnsüchtig dachte ich an Consuela. Wie gerne hätte ich sie als Frauchen gehabt! Leise erzählte ich Berti von ihr. Er nickte verständnisvoll.
"Ich glaube dir, dass diese Frau was ganz besonderes ist. Aber vielleicht findest du jemanden, der so ähnlich ist. Gib den Menschen eine Chance! Schau mein Frauchen an. Die Nicole ist echt klasse! Ich finde, sie ist das beste Frauchen auf der Welt!"
'Gib den Menschen eine Chance!' Dieser Satz von Berti brannte sich in mein Gehirn.
Ich überlegte. Wie viele böse Menschen hatte ich denn kennen gelernt? Da war mein früheres Herrchen - der Gedanke an ihn ließ mich erschaudern. Die meisten Menschen, die ich nach ihm getroffen hatte, hatten sich gar nicht um mich gekümmert. Nur wenige hatten mit Steinen geworfen oder nach mir getreten. Und die Menschen, die ich in der letzten Zeit kennen gelernt hatte, waren sehr nett gewesen. Vielleicht war Mensch nicht gleich Mensch? Schließlich gab es ja auch bei Hunden sehr große Unterschiede.
Ich nahm mir vor: wenn mich ein Mensch mitnehmen würde, dann würde ich vorsichtig sein. Aber freundlich und nett. Und abwarten, wie der Mensch sich verhalten würde. Meine Überlegungen wurden von einem melodischen "Dingdong" unterbrochen. Ich hob fragend den Kopf.
"Die Klingel", erklärte Berti. "Jetzt kommen andere Menschen zu uns. Bleib hier. Ich muss hingehen und sie begrüßen!" Er trabte davon.
Kurze Zeit später kam er zurück, mit Nicole und einer Frau im Schlepptau.
"Na, wäre die Kleine da nichts für Sie?" hörte ich Nicole fragen. "Hmm, eigentlich wollte ich noch was Kleineres." Die Frau wiegte zweifelnd den Kopf.
"Erzählen Sie doch einmal, Nicole, was Sie von der Kleinen wissen!"
Und Nicole erzählte, was sie von Consuela über mich erfahren hatte. Viel war es ja nicht, nur ein kleiner Teil meiner Geschichte.
Aus den Augenwinkeln betrachtete ich die fremde Frau unauffällig. Sie sah ganz nett aus. Ich drehte den Kopf und schaute sie genauer an.
Sie schaute zurück. Tief blickte sie in meine Augen. In diesem Moment fühlte ich einen kleinen Stich im Herzen. Diese Augen waren gut. Diese Augen blickten warm und freundlich. Diese Augen - das waren die Augen meines Frauchens!
Ich leckte mir über die Nase und wedelte langsam mit dem Schwanz.
Die Frau erhob sich und kam zu mir. Ruhig setzte sie sich vor mir auf den Boden. "Na, Kleine, was hälst du davon, wenn du zu mir ziehst? Meinst du, wir könnten uns vertragen?"
Sie hielt mir ihre Hand hin. Tief atmete ich den Geruch ein. Ein guter Geruch! Ich leckte vorsichtig diese Hand. Die Frau lächelte.
"Tja, Nicole, ich glaube, das ist entschieden. Wenn mir Ihr Verein das Mädchen anvertrauen möchte, dann übernehme ich sie gerne. Ich glaube, wir könnten uns gut verstehen." Nicole freute sich. "Gut, dann mache ich den Vertrag. Die nächsten 14 Tage gelten Sie als Pflegestelle, bis die Impfung komplett ist und die Wunde verheilt. In dieser Zeit können Sie feststellen, ob sich Pepita in Ihren Haushalt einfügen kann oder nicht. Wenn ja, dann wird der Vertrag gültig und Pepita gehört zu Ihnen."
"Alles klar", antwortete mein neues Frauchen. "Die Vertragsbedingungen kenne ich ja schon, die sind auch nicht anders als bei unserem Verein. Damit habe ich auch keine Probleme. Allerdings - Pepita gefällt mir nicht so recht als Name. Da werde ich mir was anderes einfallen lassen."
"Das bleibt Ihnen überlassen!" lachte Nicole. "Sie hört ja sowieso noch nicht auf den Namen, also können Sie sich hier freie Hand lassen."
Nicole und mein Frauchen schüttelten sich die Hände. "Wir sehen uns in 14 Tagen dann zum Fädenziehen und für die endgültigen Formalitäten. Alles Gute!"
Frauchen hob mich hoch. "Mit deinem frisch operierten Bauch solltest du keine Treppen steigen", erklärte sie mir. Ich konnte gerade noch ein "Viel Glück, Rosa!" und ein "Danke, Berti!" winseln, dann trug sie mich nach Draußen zu ihrem Auto. Dort legte sie mich auf eine Decke auf dem Rücksitz.
"So, und jetzt geht es nach Hause!"
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